Plöchinger →

Journalist. München. Jahrgang 1976.

Wie innovativ Journalismus sein muss

/// “Journalismus in der digitalen Moderne” heißt ein Buch, das in diesen Tagen erscheint — der Titel beschreibt in seiner Nüchternheit, was viele Kollegen in diesen Jahren des Umbruchs und der gefühlten Dauerkrise umtreibt: Wie verändert die Digitalisierung unsere Profession? Ich wurde, nach sechs Jahren im Online-Journalismus und vielen Gesprächen mit Digital-Kollegen etlicher großer und kleiner Medienhäuser, um ein Kapitel über Innovation und Innovationskultur gebeten, das ich auch hier veröffentliche. ///

.

“Was mir am besten gefällt am deutschen Onlinejournalismus, ist die unglaubliche Zähigkeit und der Humor, mit dem so viele Redakteure unterhalb des Radars traditioneller Medienkapitäne die Zukunft vorbereiten.”

Wolfgang Blau, Chefredakteur Zeit Online bis Frühjahr 2013, im Oktober 2012

.

Von der Unkultur der Innovation

Innovation ist ein fürchterliches Blähwort. Wer es ausspricht und Hirn hat, will es am liebsten gleich zurücknehmen. Jeder ist innovativ heutzutage. Jeder ahnt, dass diejenigen am lautesten nach Innovation schreien, die die größten Probleme damit haben. Innovation gehört als Wort, wie es gerade missbraucht wird, auf den Index jeder ernstzunehmenden Redaktion. Innovation heißt auf Deutsch Erneuerung, was eigentlich etwas Schönes ist, und die Frage sei gestellt, wie es mit dem Wort soweit kommen konnte.

Jeder hat vermutlich seine eigene Geschichte mit dem Niedergang des Begriffs. Einige erinnern sich vielleicht an 1998. Gerhard Schröder machte mit “Innovation und Gerechtigkeit” Wahlkampf und einen Außenseiter aus der Internet- und Computerbranche zum Schattenwirtschaftsminister. Jost Stollmann war in der SPD-Dramaturgie die Rolle des Innovatoren zugedacht. Am Ende obsiegte im Machtspiel die personifizierte Gerechtigkeit namens Oskar Lafontaine. Stollmanns politische Karriere war mit Schröders Sieg beendet, was nicht schlimm war, weil er auch einigen Unsinn redete, aber so ist das mit der Innovation: Das Reizwort wird gern benutzt wie Flitter, der dekorativ glänzt — und den es dann schnell mal verweht, wenn es ernst wird. Innovation ist oft rhetorisches Beiwerk im öffentlichen Diskurs statt inhaltliches Zentrum.

Die schiere Aussprache des Begriffs verleitet dazu, sich fortschrittlich fühlen zu dürfen, ohne noch vom Wort zur Tat finden zu müssen. Der Flirt mit der Zukunft ersetzt das Arbeiten an der Zukunft. Uns Journalisten ist in der Innovationsshow in der Regel die Rolle zugedacht, die Innovationsinszenierung zu transportieren, was oft funktioniert — vor allem wenn Journalisten von den Innovationsthemen wenig verstehen. Stollmann war eine Art Fortschrittsplacebo für Schröder, wie es normalerweise die Rundgänge von Politikern auf Technikmessen sind oder die possierlichen Besuche in Hightech- oder Internet-Firmen. Heute, vierzehneinhalb Jahre später, wäre es vermutlich wieder ein innovativer Coup, einen zweiten Stollmann aus dem Nichts zu zaubern, der dann solche Dinge sagt wie damals der erste: “Wir müssen jetzt endlich das Signal setzen: Die Deutschen brechen auf. Ich muss jetzt immer nach Amerika reisen, um herauszufinden, wie Zukunft geht. Ich möchte gerne, dass Amerikaner zu uns reisen.” Letzteres ist 2013 noch eher selten der Fall — gerade was digitale Innovation angeht. Und gerade was den Journalismus betrifft. Womit wir beim eigentlichen Drama sind: der digitalen Innovation im Journalismus.

Im März 2011 kam es in der Bundespressekonferenz zu einem Eklat, der gleich wie ein doppeltes Echo der beschriebenen Innovationsunkultur wirkte. Da saßen Hauptstadtjournalisten, die zur Elite ihres Berufsstandes zählen wollen, und knöpften sich einen Regierungssprecher vor, weil @RegSprecher Steffen Seibert eine USA-Reise der Kanzlerin auf Twitter angekündigt hatte. Doppeltes Echo, weil erstens die Regierungschefin hier mediengerecht Twitter für sich besetzen ließ: nicht etwa mit einem eigenen Account, sondern stellvertretend in Szene gesetzt über ihren Sprecher. Zweitens, weil sich die Journalisten einer solchen Inszenierung nun nicht mehr fügten, sondern protestierten — allerdings nicht auf Höhe der Innovation, sondern in Opposition zu ihr. Nachdem die Innovation namens Twitter plötzlich nicht mehr nur harmloses Inszenierungsmittel war, sondern real-bedrohliche Bedeutung für die Kollegen bekam, begehrten sie auf.In anderen Ländern hätten Reporter vielleicht kritisiert, dass Angela Merkel nicht selbst twitterte. Hier kritisierten Weltfremde aus der berühmten Berliner Käseglocke, dass die Kanzlerin einen PR-Kanal in einer digitalen Welt aufmacht, den zwar Millionen Leute draußen verstehen, sie selbst aber nicht. Die Szene war das peinlichste, was den Bundesjournalisten in vielen Jahren passiert ist — zur Verzweiflung gerade junger Kollegen in Berlin, die in Neuem nicht sofort eine Bedrohung von Besitzständen sehen.

Das Spannendste an der Geschichte ist mit zwei Jahren Distanz, dass sich danach manches verändert hat. Heute sind zuhauf Berliner Kollegen auf Twitter: weil sie über das Netzwerk tatsächlich Informationen früher bekommen als einst, was wichtig ist in der Hektik des Hauptstadtjournalismus. Twitter nutzt den Journalisten. Der Druck, Twitter zu nutzen, ist darum groß. Mit bösem Blick ließe sich aus Fällen wie Stollmann und Seibert ableiten: Journalisten lieben schöne Geschichten zu Innovationen, gern zu Hightech und Internet, selbst wenn diese nur inszeniert sind — aber wehe, die Innovation trifft sie selbst. Dann setzt ein, was das Change Management als Phasen des Übergangs von einer alten in eine neue Welt kennt.

.

In den Phasen des Übergangs

In der Theorie laufen diese Übergangsphasen psychologisch so ähnlich ab, als bekäme man gesagt, dass man nur noch einige Monate zu leben hat oder dass etwas anderes Schreckliches passiert ist. Erst leugnet man die Nachricht. Dann setzen Wut und Verzweiflung ein. Darauf folgen rationale Akzeptanz und irgendwann emotionale. Am Ende gewöhnt man sich an den veränderten Alltag. Bei manchen Menschen wiederum dauert das solange, dass sie gar nicht mehr in die neue Welt rüberkommen. So zäh zieht sich oft auch Innovation im Journalismus. Das ist erstaunlich, weil das Neue in der Welt eigentlich unser Job ist. Wir machen Nachrichten, und Neugier gilt uns dabei als eine Art Berufsvoraussetzung. Wir haben in vielen Millionen Geschichten seit vielen Jahrzehnten immer wieder beschrieben, wie schwer sich andere Branchen, Länder, Menschen, Wasauchimmer mit einem bestimmten Wandel tun. Wieso tun sich viele Journalisten dann so schwer, Neues in ihrem Job anzunehmen?

Wolfgang Blau hat in einer bemerkenswerten Grundsatzrede dargestellt, wie “Zeitungsredaktionen das Internet nun viele Jahre lang tendenziell als ein eher bedrohliches Phänomen dargestellt haben, das Kriminalität befördert und den Niedergang kultureller Werte und des gesellschaftlichen Zusammenhaltes beschleunigt”; dass “ganze Mythologien entstanden (sind) wie etwa die, dass ein besonnener, nachhaltiger intellektueller Diskurs eher auf Papier als im Netz stattfinden könne” (Blau 2012b). Er und andere Kritiker bewerten auch die Urheber- und Leistungsschutzrechtdebatten als eine Art Abwehrkampf gegen die digitale Ära. Tatsächlich werden Zukunftsdiskussionen in unserer Branche selbst von klugen Kollegen oft verbittert-verengt geführt — und verzweifelt, da am Ende vermutlich ohne Chance auf einen Sieg. Denn was soll das hier sein, ein Sieg?

Diese Kollegen agieren als Konservative, als Bewahrer in eigener Sache, wobei sie eben jene eigene Sache riskieren: den Journalismus, der nun mal nicht am Papier oder den analogen Rundfunkwellen als übermittler hängt. Wer sich der digitalen Innovation, die für viele Journalisten nunmehr bedrohlich oder begeisternd real geworden ist, mit verqueren Argumenten verschließt, wer digitale Medien nicht als selbstverständliche Bühne annimmt, wer es also gar nicht in die neue Welt schaffen will — der kann diese auch nicht erobern, und der verschließt sich immer größerer Teile seines potentiellen Publikums. Doch ohne Publikum kein Geld, kein Journalismus. In Deutschlands Redaktionen können Sie heute alle Typen beobachten: den Leugner, der auf die rasche Rente hofft oder auf einen Reporterjob klassischen Zuschnitts. Den Wütenden, der hintenrum gegen Neuerungen agitiert und vornerum vielleicht sogar den Innovativen mimt. Den Verzweifelten, der mit den neuen Techniken nichts anzufangen weiß, obwohl er eigentlich will. Den rational Akzeptierenden, der weiß, dass er mit diesen Sachen warm werden müsste, aber einfach lieber elegische Reportagen schreibt. Den emotional Akzeptierenden, der von sich aus ein Onlinepraktikum macht oder sich freut, bei Online endlich wieder Texte zu veröffentlichen, weil er in Print schon lange nichts mehr untergebracht hat. Und dann jene Kollegen, die kaum zurück wollen in die alte Welt — in der Regel sind das vor allem jene, die man Digitale oder Onliner nennt.

.

Zu einer Kultur der Innovation

Jahrelang waren die Onliner die Underdogs der Redaktionen, die Zweite Klasse des Journalismus, oft jung, unterbezahlt, bemitleidet vom Establishment des jeweiligen Medienhauses. Ihre Arbeit brachte wenig Geld ein, wenn überhaupt, und dafür mussten sie immer auf Klicks der Leser schielen. Inzwischen werden die Digitalen selbstbewusst. Sie sind in der Rolle der Erneuerer, bei ihnen wachsen Umsätze noch, oft nur bei ihnen. Der Veränderungsdruck ist groß geworden im Journalismus, und nur sie sind schon dort, wo andere jetzt hin müssen. Sie verfolgen deren übergang in die neue Welt und wundern sich: Wieso soll das so kompliziert sein?

Wenn heute ein, sagen wir, Fernsehkollege dem Internetredakteur Tipps gibt, wie er seinen Job machen soll, oder ihm doziert, wie dämlich sein Medium ist, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich der Onliner wegduckt und sich ins Underdog-Schicksal fügt, geringer als vor fünf Jahren. Man lässt sich nicht mehr unwidersprochen von Kollegen belehren, beleidigen oder bemitleiden, die Halbwissen haben und nichts dazulernen wollen. So viel Selbstvertrauen ist gesund. Man stelle sich vor, früher hätte ein Printkollege zum Fernsehmann gesagt, wie er einen Beitrag schneiden soll. Surreal wirkt das. Nur bei digitalen Medien ist es anders. Denn erstens funktioniert im Internet jedes Ausdrucksmittel der bisherigen Medien, von Text über Ton bis Bewegtbild — weshalb jeder Journalist im Zweifelsfall erst mal denkt, die Innovation sei gar nicht so groß und man selber im Grunde schon Experte. Zweitens nutzt heute jeder Journalist das Internet so selbstverständlich, dass die Komplexität gerade beim Blattmachen (den Printbegriff haben Onliner adaptiert) unterschätzt wird. Das wäre nicht schlimm, solange man sich eines Besseren belehren ließe. Letzteres aber fällt, drittens, vielen etablierten Kollegen schwer, weil Onliner im eigenen Kopf immer noch jung, unterbezahlt und Zweite Klasse sind.

Eine Innovationskultur in Redaktionen muss an diesen Stellen ansetzen. Erst wenn jeder versteht, dass die digitalen Medien eigene Expertise brauchen und die eigenen Experten eine gewisse Wertschätzung, kurz: Erst wenn Augenhöhe hergestellt ist, wird der übergang von der neue in die alte Welt gelingen. In keinem Fall wird es helfen, Scheingefechte zwischen alter und neuer Welt auszutragen, dafür werden Zeit und Geld zu knapp. Die Methoden, um mehr Verständnis füreinander zu schaffen, sind vielfältig. Bei vielen Medien gehen prominente Vorbilder voran: Der Starautor schreibt für Online, also mache ich es besser auch. Beim Bayerischen Rundfunk hat der Intendant die Ära der Trimedialität offiziell ausgerufen, also Radio + Fernsehen + Online, und plötzlich reden auch Lordsiegelbewahrer der Tradition über Veränderung. Bei wieder anderen gibt es Lob und Boni für Vordenker, oder die Chefs strafen Verweigerer.

So oder so, in den meisten Fällen funktioniert diese Veränderung nur von oben — weil sonst die Kollegen unten, die von sich aus vorangehen würden, zu große Widerstände befürchten müssen. Auch wenn das zur angeblich individualistisch-liberalen Journalistenzunft kaum passen mag: Innovation wird unten oft erst richtig gelebt, wenn sie oben verlangt und gefördert wird. Das fordert den Chef, der Change Management versteht, und den Mitarbeiter, der Change gut finden sollte. Kurz, es fordert grundlegendes Umdenken von beiden Seiten.

.

Innovation als Dauerzustand

Was tun bei Innovationsangst, -müdigkeit und -scheu? Das Gegenteil ist jeweils die einzig richtige, einzig zulässige Antwort: Mut fassen und aufrappeln, nicht bequem werden, sich für das Neue begeistern. Auch wenn es schwer fällt, weil es mehr Arbeit bedeutet — aber niemand ist in den Journalismus gegangen, weil das ein leichter Job ist. Jeder Berufsanfänger, auch jeder Kollege kurz vor der Rente sollte es wissen: Journalismus wird künftig dauerhaft Innovationen ausgesetzt sein. Es gibt keine Ruhephasen mehr. Dieser Beruf wird sich permanent neu justieren müssen. Nicht immer radikal, aber zumindest regelmäßig graduell. Die Digitalisierung hatte schon bisher umfassende Folgen für die alten Medien, deren Rollen neu definiert worden sind und noch werden. Und so geht es weiter. Das nicht ganz so neue Medium namens Internet bringt ständig neue Möglichkeiten oder Herausforderungen.

Die vielleicht dümmste Frage, die man einem Journalisten heute stellen kann, ist die nach der Zukunft: Wird es in zehn Jahren noch viele Zeitungen geben? Wie sieht das Internet in fünf Jahren aus? Solche Zeiträume lassen sich nicht mehr überblicken, dafür ändert sich das Geschäft zu schnell. Das ist für viele Kollegen verstörend, weil es sich bei Zeitungen, Zeitschriften, Radio- und Fernsehsendern jahrzehntelang gut leben ließ und der Zweck dieser Medien nun in kleineren oder größeren Teilen infrage gestellt wird, ohne dass alle schon eine Antwort haben. Dagegen kann man nichts machen. Fest steht aber: Nur wer jetzt Antworten sucht, hat eine überlebenschance; wer nicht, ist bedroht. Wir kennen diese Mechanik, wir haben sie in anderen Branchen x-mal beschrieben. Es ist die Mechanik der Marktwirtschaft. Wir Journalisten waren ihr lange nicht unterworfen, weil das Geld der Anzeigenkunden und Leser, Zuhörer, Zuschauer immer irgendwie kam. Diese Selbstverständlichkeit ist durch die Digitalisierung der Informationen erodiert. So funktioniert Innovation. Schöpferische Zerstörung hat Joseph Schumpeter das genannt. Der Journalismus wird schöpferisch zerstört — oder zerstörerisch neu erschaffen, wie man will.

So umfassend, wie sich dieser Prozess vollzieht, haben ihn nur wenige vorhergesehen. Der Vergleich mit der Erfindung des Buchdrucks, der Dampfmaschine oder der Elektrizität ist Legende. Und selbst, wer das für zu groß gegriffen hält: Die bisher größten journalistischen Umwälzungen in der jüngeren deutschen Geschichte, ob das frühere Zeitungssterben, die Gründung des ZDF, die Einführung des Privatfunks, die Neugründungen einiger Printtitel, der Journalismus-Neuaufbau Ost — nichts davon ist im Ansatz vergleichbar mit der Digitalisierung. Denn diese betrifft alle älteren Medien zugleich, und zwar restlos; das ist neu, das gab es so noch nie. Alle anderen Medien können potentiell im digitalen Medium aufgehen, während sich dieses noch dazu permanent weiterentwickelt. Was für eine Herausforderung, was für eine Chance für Neugierige! Für viele Kollegen, die noch fremdeln, ist digitale Innovation dagegen wie ein Nebelschleier. Es ist eine amorphe, gefährlich wirkende Erscheinung von unbekannter, aber immer größerer Dimension. Viele wollen lieber gar nicht wissen, wie dieses Ding funktioniert. Dabei ist es nicht so kompliziert. Man muss nur verstehen, dass die digitale Revolution gar keine große einzelne Umwälzung ist, sondern eine Kaskade weitreichender Evolutionen.

Am Anfang, in den Zeiten ratternder Modems, war Onlinejournalismus das, was sich heute noch viele etablierte Kollegen als Onlinejournalismus vorstellen: Text plus Bild, vielleicht eine Bildstrecke, gepresst auf ein paar Pixel, ausschließlich auf Klicks getrimmt, zunächst billig verkauft an eine nerdig-geekige Leserschaft. Doch dann war es irgendwann für Millionen schick, drin zu sein im Netz, es wurde zu einem Massenmedium, und schließlich kam DSL. Journalismus hatte plötzlich kaum noch Größengrenzen: riesige Bilder in Sekundenschnelle, Audio, Video, Live-Fernsehen auf dem Rechner. Es folgte das mobile Netz, befeuert durch das iPhone: Plötzlich war das Internet immer und überall, war Journalismus immer und überall, ohne dass man noch am Kiosk eine Zeitung kaufen musste. Parallel kamen Apps auf. Sie zwängten den Journalismus aus den Weiten des Netzes wieder in abgeschlossene Gefäße mit einem Markennamen darauf. Dann folgten die Tablets, die digitalen Journalismus zieh-, tast- und berührter machen, ihn also für Nutzer enttechnisierten. Und schließlich, in den vergangenen Jahren über allem: Social Media, das globale Meta-Netz aus Freunden, Fans und Daten, das Journalisten ihrem Publikum so nahe bringt wie nie zuvor. Das ist nur ein grober Rückblick. Wer will daran zweifeln, dass es weitere solche Evolutionen geben wird? Keine der skizzierten Entwicklungen ist abgeschlossen.

Was bedeutet das schnelle Internet zum Beispiel fürs klassische Fernsehen — und in der Folge auch für Verlage, Stichwort Second Screen? Wird das mobile Netz das klassische kannibalisieren, weil bald mehr Menschen auf dem Handy surfen als im Büro? Wie entwickelt sich die App-Ökonomie der Medienhäuser weiter? Werden Tablets und Laptops allmählich verschmelzen — was bedeutet das für Informationsangebote? Und welche Marktchance haben wir Journalisten künftig genau, wenn digitale Information zusehends von Beziehungsnetzwerken geprägt wird? Wenn Innovation zum Dauerzustand wird, müssen wir als Branche lernen, in solcherlei vielseitigen Abhängigkeiten zu denken, Chancen und Risiken von Neuerungen permanent gegeneinander abzuwägen, kurz, uns auf die Komplexität dieser Welt einzulassen. Die einfachen Antworten und Perspektiven gibt es für uns in der Informationsindustrie nicht mehr. Außer vielleicht eine Gewissheit: Finanziell wird das alles die größte Herausforderung.

Wir alle wissen, dass das Geld für unsere Arbeit künftig schwieriger zu verdienen sein wird als in den vergangenen Jahrzehnten, und dass unser Publikum zu unserem Verbündeten in diesem ganzen Prozess werden muss, am besten zu einem gerne zahlenden Verbündeten. Unsere Finanzierung in der digitalisierten Welt zu sichern, werden wir in Zukunft nur schaffen, wenn wir mit unserem Journalismus an der Spitze der Innovation stehen. Welcher Leser, Zuhörer oder Zuschauer verbündet sich schon mit Vertretern des Ewiggestrigen? Datenjournalistische Projekte mögen teuer sein, interaktive Features und Videos aufwändig, Social-Media-Aktivitäten sich nicht sofort refinanzieren — nötig sind all diese Innovationen trotzdem. Aus journalistischen Gründen ohnehin, aber eben auch aus wirtschaftlichen. In einem sehr dichten Wettbewerb der Internetangebote hilft nur publizistische Differenzierung, um herauszustechen und das Publikum zu überzeugen. Anders formuliert: Publizistische Innovation ist die einige Chance, sich eine starke Marke auch in der digitalen Welt aufzubauen. Das fordert Redaktionen zu Innovation und Kreativität heraus. Nicht nur im Alltag — sondern auch in ihrer eigenen Funktionsweise.

.

Strukturen für Innovation

Jahrelang predigten Redaktionsreformer, dass wir Journalisten zu den berühmten eierlegenden Wollmilchsäuen werden sollen. Mal sollten alle Zeitungsredakteure auch das Onlinepublizieren aus dem Effeff beherrschen, mal sollten Lokalreporter auch VJs werden. Jeder soll potentiell alles können — das beschrieben Berater als Zwangsmaßnahme im Innovationsprozess. Das kann in einigen Häusern und bei einigen Titeln der richtige Weg sein. Aber bei allen? Wer glaubt wirklich, dass eine 300-Zeilen-Reportage besser wird, wenn der Reporter im afrikanischen Dschungel neben der schwierigen Recherche noch ein Video dreht? Oder eine Pop-Rezension, wenn der Autor noch einen Podcast aufnimmt? Wenn er Zeit und Lust hat und das Handwerk beherrscht: vielleicht ja. Aber sonst ist sein Publikum vermutlich besser dran, wenn hundert Prozent seiner Schaffenskraft in die Reportage oder Rezension gehen.

In diesen Zeiten, in denen Journalismus exklusiver werden muss, im Sinne von: einmalig, unverwechselbar, differenziert vom Informationsgrundrauschen in den Weiten des Netzes — in diesen Zeiten ist nichts innovativer als der Spezialist, der einem Geschichten so erzählt, wie es kein anderer kann. Nur er wird die Leser, Zuhörer, Zuschauer zu seinen Verbündeten machen können. Niemand wird Fan eines Grundrauschens. Zumindest in den größeren Redaktionen des Landes wird und muss die Spezialisierung stattfinden — weil die Nutzer genau diese Professionalität erwarten. Datenjournalisten ergänzen darum jetzt schon Investigativteams. Interaktiv-Entwickler machen flache Grafiken klick- und erlebbar. Community-Redakteure professionalisieren den Dialog mit den Lesern. Livereporter versorgen die Onlineseiten der Printhäuser, die früher nie live berichten konnten. Blattmacher fürs Internet treten neben Seite-1-Chefs von Zeitungen und Sendungschefs im Rundfunk. Diese Reihe lässt sich fortsetzen, die Jobprofile vermehren sich. Innovation bedingt, dass wir die Strukturen unserer Redaktionen immer wieder ändern — um immer von Neuem ein gutes Blatt, eine gute Seite, eine gute Sendung machen zu können, wenn sich die Ansprüche des Publikums ändern. Jede Redaktion muss dabei Lösungen finden, die zu ihrer Mission, ihrer Marke passen. Eine Tageszeitung wird da zu anderen Schlüssen kommen als Wochentitel oder die Regionalpresse, und bei Radio und Fernsehen sieht es noch mal anders aus.

Es klingt banal: Innovation bedingt Professionalisieren und Experimentieren. Durchwursteln oder Weiter-so geht nicht mehr, Strukturen und Geschäftsmodelle gehören immer wieder angepasst. Verlage und Sender müssen zu echten Medienhäusern reifen, die auch das Digitale selbstverständlich beherrschen. Mit am stärksten sieht man den Veränderungsbedarf an Abteilungen wie der IT, die bisher als Sachwalter des Technischen abseits der Redaktionen stand. Passé: Künftig ist eine gute Entwicklungsabteilung der Schlüssel für Erfolg. Das digitale Medium besteht letztlich nur aus Nullern und Einsern in kluger Kombination, und wenn ein von der Digitalisierung herausgefordertes Medienhaus nicht genug Experten dafür hat, fehlt ihm schlicht die Grundlage fürs Geschäft. Programmierer sind für unsere Zukunft, was Drucker für die Zeitung oder Sendetechniker im Rundfunk sind: Möglichmacher. Virtuosen, die die virtuellen Spielräume für unser Geschäft erweitern. Partner, deren Sprache zumindest einige Journalisten verstehen müssen — ein bisschen HTML hat noch niemandem geschadet, man muss ja nicht gleich selbst programmieren. Mit der EDV-Abteilung, die Zeitungen oder Sender früher hatten, hat das nichts mehr zu tun.

.

Krise als Innovationsmotor

“For me everything starts with appreciating that we are in Schumpeterian Moment.” So beschreibt Tim J. McGuire, US-Journalismusforscher und einstiger Chefredakteur, die Herausforderungen für die Medienbranche. Das Wort Moment ist irreführend, dauert der Prozess doch schon lange und wird noch lange dauern. Blicken wir auf die vergangenen zehn, 15 Jahre zurück, die durch zwei, drei größere Krisen geprägt waren, dann trifft McGuires Prognose vermutlich zu: “A lot of things we know and love are going to be destroyed, but a lot of wonderful new things will be created.” Auf solche Sätze kann man mit Resignation oder Wut reagieren; dann ist man in den Phasen des übergangs noch nicht bei der Akzeptanz angelangt. Oder man fügt sich in das Unausweichliche dieser Innovationsära und überlegt, was man Wunderbares daraus machen kann, wie man die zerstörerische Kraft schöpferisch nutzen kann. Die psychologische Frage im Hintergrund ist, wie viel Pessimismus sich die latent zynische Journalistenzunft noch leisten kann. Zweckoptimismus wäre die bessere Wahl.

Es klingt platt, aber eine Krise ist eben immer auch eine Chance — und Medienhäuser wie Spiegel, Springer und Burda haben sie genutzt, mit Strategien, die man nicht allesamt gut finden muss, aber gewissen Respekt gebieten. Dass es Wachstum in der Medienbranche heute fast nur noch auf digitalen Plattformen gibt, müsste auch Skeptikern klar machen, dass sich Fundamentales ändert. Eine alte Werberweisheit lautet: Money follows eyeballs. Das große Geld fließt am Ende des Prozesses dorthin, worauf die Masse der Menschen schaut. Also seit einiger Zeit zusehends in die digitalen Medien. Krisen beschleunigen diese Umverteilung der Geldflüsse, und der ökonomische Druck auf den Journalismus ist inzwischen groß. Er bedingt, dass sich jedes Medienhaus seinen digitalen Chancen stellt. Erneuerung ist zwingend.

.

Journalisten als Innovationsmotor

Erneuerung ist aber kein Selbstzweck. Wir Journalisten müssen aufpassen, dass es bei allen Innovationen aus wirtschaftlichem Druck heraus nicht zu einer ziellosen Ökonomisierung des Journalismus kommt. Internetseiten, die auf Klick- und Besuchermaximierung zielen, machen vieles, was kein Journalismus im eigentlichen Sinne ist. Dienstleister bieten inzwischen Tools an, mit denen man den zu erwartenden Anzeigenerlös eines Artikels in Euro optimieren kann, indem sich der Redakteur bei überschriften, Redigatur und Platzierung den Hinweisen einer Maschine unterwirft. Im englischen Sprachraum schreiben Computer automatisiert Texte zum Beispiel über Sportereignisse (die sich nicht mal schlecht lesen). Zu Ende gedacht, zielen solche Methoden darauf, das menschliche Urteil nun auch im Journalismus durch Algorithmen zu ersetzen. Auch das ist Innovation. Aber wollen wir das?

Man kann mit solchen Techniken sicher experimentieren, und ein selbstbewusster Journalist darf Algorithmen zu Rate ziehen. Trotzdem — er darf den Kopf nie ausschalten. Das menschliche Urteil, die kluge Einschätzung und Analyse sind es, die den Journalismus spannend machen, wenn es guter Journalismus ist. Seit längerem ersetzt klickgetriebenes Infotainment auf vielen Onlineplattformen den aufgeklärten Angang an Themen. Suchmaschinenoptimierung ist manchen Kollegen bedeutsamer als das Streben nach Akkuratesse, Objektivität und Wahrhaftigkeit. Das rührt natürlich an die Basis unseres Berufs. Die etablierten Kollegen haben uns Onlinern lange vorgeworfen, Trash zu machen; manchmal haben sie Recht, und die Antwort, dass Trash bei den Lesern funktioniert, greift zu kurz. Redaktionen können mit Überboulevardisierung und übertriebener Klickfixierung kurzfristig Erfolg haben, aber wie weit trägt dieser Erfolg? Wenn eine solche Taktik, die die intellektuelle Kapazität vieler Leser in Wahrheit unterschätzt, zu Schein- oder Trivialjournalismus führt, wenn sozusagen die bunten Seiten der Zeitung im Netz zur Titelseite werden: Welchen Dienst erweisen wir dann der Gesellschaft? Und wie wollen wir ein Publikum, das wir dergestalt deformieren, zu zahlenden Verbündeten machen, wenn es am Ende darum gehen wird, nicht bloß die Online-, sondern auch die Mutterredaktionen digital zu finanzieren? Es liegen viele Herausforderungen vor uns, und eine der schwierigeren ist, in der digitalen Welt publizistische Werte gegen jene durchzusetzen, die mit Journalismus nicht Rechtes mehr anzufangen wissen.

Innovativer Journalismus muss schon noch Journalismus sein. Deshalb verpflichtet uns die gefühlte Dauerbedrohung unseres Berufs in den vergangenen Jahren gleich mehrfach. Innovativ ist, Trash sein zu lassen. Den digitalen Wettbewerb über publizistische Profilierung zu führen. Die Möglichkeiten des Multimediums auszunutzen. Themen cooler, interaktiver, spielerischer zu präsentieren. über Erwartungen unserer Nutzer zu debattieren und über die Möglichkeiten, sie für die Zukunft des Journalismus zu begeistern. Auch, sie finanziell zu beteiligen. Neue Formen des Leserdialogs einzuführen. Neue Ansätze für Recherche zu erforschen… — die Liste der Möglichkeiten ist lang.

Wir Journalisten müssen die Hoheit in dieser Diskussion haben. Dafür müssen wir alle auf die nötige Diskussionshöhe kommen. Wir haben keine Zeit zu verlieren, denn die nächste Krise kommt bestimmt. Das muss uns anspornen. Innovation war lange genug ein Blähwort. Sie muss Alltag werden.

Wie Meedia seine Geschichte nicht totrecherchieren wollte

“Get it first, but first get it right.”

Dieser angelsächsische Journalismusgrundsatz steht in unseren Redaktionsleitlinien vorne, und er bedeutet zum Beispiel: Wenn eine halbwegs eilige Nachricht über die Ticker kommt, wir aber nur eine Quelle haben oder Zweifel am Wahrheitsgehalt, dann melden wir sie erst mal nicht, sondern sichern uns ab. Wir wollen schnell sein, aber nicht so schnell, dass nicht stimmt, was wir schreiben.

Am Montag bedeutete das, dass wir es anders hielten als die Agenturen oder viele andere Nachrichtenseiten und die Meldung von der Wulff-Trennung nicht sofort publiziert haben, weil sie in den Tickern nur eine Quelle hatte: “Bild”. Wir aus der Online-Redaktion versicherten uns erst bei unseren Printkollegen, die die Informationen auch hatten und möglichst erst in der Dienstagsausgabe bringen wollten, über die Details, bevor wir die Trennung auch meldeten - zunächst (vielleicht etwas zu) agenturlastig, aber eben mit eigener Quelle, dann mit eigenem Stoff.

Man sollte uns wohl nicht vorwerfen, dass wir uns derart absichern und auf eigene Quellen setzen. Ein Kollege bei Meedia tut dies aber nun - indem er den Vorgang so interpretiert, dass wir über die “Bild”-Vorabmeldung einfach unseren Absender geschrieben haben. Das ist grundfalsch. Es sind nicht, wie in seiner Überschrift steht, aus “Bild”-Infos plötzlich bei uns SZ-Infos geworden. Man weiß bei seinen Vorwürfen vielmehr gar nicht, wo man mit dem Dekonstruieren anfangen soll.

Der erste Fehler des Kollegen war vielleicht, die Gegenseite – also uns – nicht korrekt zu konfrontieren (auch ein Prinzip aus zumindest unseren Leitlinien). Er schrieb mir am Morgen eine Mail, doch ich bin im Urlaub – weshalb er deutlich später einen meiner Vizes anschrieb und, nachdem dieser anderthalb Stunden lang nicht geantwortet hatte, weil er es wagte, in Konferenzen zu sein, die einseitige Geschichte auf Meedia einfach mal veröffentlichte. Auf Verdacht, dass die These schon irgendwie richtig ist. Beim Konfrontieren muss man der Gegenseite einen klaren Zeitrahmen nennen, lernen Journalistenschüler, oder zumindest die hohe Dringlichkeit klarmachen. Das tat der Kollege in seiner Mail nicht. Im Gegenteil verweist Meedia darauf, dass man immer Zeitdruck hat als Online-Medium. Gegenfrage: Wie groß kann der Zeitdruck am Mittwoch noch sein bei einem Thema vom Montag?

Die Mail des Kollegen insinuierte indes dasselbe wie der spätere Text: dass unsere Meldung auffällig war und dass wir die arme “Bild”-Zeitung missbraucht haben. So klare Indizien! (Schöner hätte sich Springer die Geschichte nicht träumen können.) Weshalb auf unsere Reaktion warten? If you can be first, does it really always have to be right?

So viel zum Zeitdruck. Auf Twitter habe ich Meedia am Mittag aus dem Urlaub heraus auf die Falschdarstellung hingewiesen. Um halb zwei schickte dann meine Stellvertreterin dem Kollegen eine Antwort, die auf alle seine Fragen eine klare Antwort findet – vor allem aber die Grundannahme seines Textes dementiert: dass wir eine “Bild”-Information als eigene ausgegeben haben. Dies stimmt schlicht nicht. Die gedruckte SZ, mit der die Kooperation so lehrbuchhaft lief, wie es zwischen Print und Online heute sein muss, wusste von der Trennung der Wulffs an jenem Vormittag auch, wollte die Information nur zurückhalten, außer jemand anders hat sie auch. Punkt. Aber vermutlich würde das der Kollege nicht glauben, wenn ich hundert Zeugen dafür aufbieten würde – Meedia zieht sich in einem inzwischen veröffentlichten zweiten Text (in dem man zwar das Zugeben von Fehlern anmahnt, aber selbst nicht auf die Idee kommt) einfach auf die Position zurück, das könne ja jeder behaupten. Hier jedenfalls der Wortlaut unserer Antwort an Meedia:

Wir freuen uns über Ihr Interesse an unserer Berichterstattung und hoffen, zur Aufklärung beitragen zu können.

Zur Sache: Die Information über die Trennung des Ehepaars Wulff lag unseren Kollegen der Süddeutschen Zeitung ebenfalls vor - allerdings hatte sie deren Quelle mit einer Sperrfrist bis 17 Uhr versehen. Als die Redaktion der “Bild” ihre Meldung am Vormittag veröffentlichte, haben wir uns nach kurzer Beratung und Rücksprache mit den informierten Kollegen der SZ dazu entschlossen, die Meldung ebenfalls zu bringen – aber eben mit Berufung auf unsere eigenen Quellen und nicht unter Berufung auf die “Bild”.

Schließlich lag die Information, wie gesagt, hier im Haus ebenfalls vor. In der Tat haben wir in den ersten Minuten in unserer Eilmeldung Sätze einer Nachrichtenagentur verwendet – so ist die Ähnlichkeit der Meldungen zu erklären. Im Zuge einer Aktualisierung des Artikels wurden dann die “CDU-Kreise” durch die Stellungnahme des Anwalts ersetzt, da der Anwalt darin die Trennung offiziell bestätigte und damit auch unsere Meldung. Wir bitten Sie, den dargestellten Sachverhalt in Ihren Artikel, der zu der Sache bereits erschienen ist, entsprechend einfließen zu lassen.

Im Übrigen erheben Sie sehr allgemein den Vorwurf, die Süddeutsche Zeitung hefte sich “exklusive Infos der Konkurrenz gerne ans eigene Revers”. Das ist nicht nur wahrheitswidrig, sondern auch unfair.

Für Rückfragen stehe ich gerne zur Verfügung.

Mehr muss man zu den Meedia-Texten nun nicht sagen. Ich hoffe, dass sich von dem versuchten Shitstörmchen des Branchendienstes kein Journalist davon abschrecken lässt, bei Ein-Quellen-Meldungen noch die zweite zu suchen und es hinzuschreiben, wenn er selbst eine Bestätigung für eine Nachricht hat.

Als ich Meedia um eine Korrektur bat, lehnte der Dienst das ab: kein Anlass. Man ergänzte den Text einfach um unsere Stellungnahme und rechtfertigte sich in einem weiteren, nun polemisch intonierten (“Schönfärberei”) – was vielleicht auch wieder praktisch ist. So kann sich nun jeder Leser einen eigenen Eindruck von journalistischen Leitlinien machen. Eine steile These, die nett klingt, lässt sich mancher Kollege halt nicht totrecherchieren. Auch wenn das nicht sehr angelsächsisch sein mag.

Krise = Herausforderung, Problem = Potential

Journalismus 2012 – die Herausforderungen, Ressourcen und Potentiale: Die Textversion meiner Laudatio zur Verleihung des jj-Reportagepreises 2012 vor einer Woche

///

Liebe Preisträgerinnen,
liebe Kolleginnen und Kollegen,
sehr geehrte Damen und Herren,

vor dieser Preisverleihung hat es eine Debatte über die Frage gegeben, wie junge Journalisten ticken und unter welchen Umständen sie heutzutage in diesen Beruf finden. Ich will nicht auf diese konkrete Debatte eingehen. Sondern auf die jungen Journalisten und die Umstände in unserer Profession.

Ich bin 36 und habe mit Glück zwei Medienkrisen knapp im Job überstanden; jetzt beginnt vielleicht die dritte Krise binnen zehn Jahren, wir wissen es noch nicht genau. Was wir wissen, ist, dass der Journalismus eine Art Krisenberuf geworden ist. Ein bedrohter Beruf.

“Krise” also. In der Managementlehre gibt es die Regel, dass Sie niemals öffentlich Krise oder Problem sagen sollten, weil das alle nur demotiviert. Sie sollen “Herausforderung” sagen.

Außerdem sollten Sie, wenn Sie Probleme oder Defizite analysieren, niemals von Schwächen sprechen. “Schwäche” ist ein negatives Wort. Sprechen Sie von Potentialen.

Und klagen Sie nie über bequeme Kollegen. Sehen Sie in ihnen im Zweifelsfall aktivierbare Ressourcen. “Human Resources”, so heißen wir Mitarbeiter ja im modernen Management.

Natürlich sind diese Sprachtricks letztlich Schönfärberei. Und trotzdem: Sie sind in dieser Zeit, in der nicht alles gut läuft im Journalismus, sondern vieles schlecht, ein Hinweis darauf, dass wir vielleicht als erstes mal den Schalter im Kopf umlegen sollten.

Weiterlesen

Besser zählen

Textaufgabe: Im Garten steht eine Regentonne mit 100 Litern Wasser. In einem verregneten Monat kommen 13 Liter (13 Prozent) dazu, danach folgt eine Trockenheit – der Wasserstand geht um 10 Prozent zurück. Wie viele Liter Wasser sind in der Tonne?

Rechnen Sie nicht lange, die Antwort ist, auf eine Kommastelle gerundet, 101,7.

Nun ist alles eine Frage der Perspektive. Wenn Sie nur am Anfang und am Ende in die Tonne schauen, sehen Sie fast keinen Unterschied – zwei Liter mehr. Langweilig. Wenn Sie die ganze Zeit dranbleiben, können Sie zweimal eine kleine Sensation aus dem Gärtchen vermelden. Erst: plus sagenhafte 13 Prozent! Dann: minus erschütternde 10 Prozent!

Das Gärtchen ist in diesem Fall Süddeutsche.de, und im Juni und Juli konnten wir feststellen, wie wenig sich die Leute für die Zahl 2 interessieren – sondern lieber für die 10 oder die 13.

Im Juni hatten wir 13 Prozent mehr Unique User vulgo Nutzer auf unserer Seite als im Mai. Das lag an der EM, die wir als sportstarkes Portal gut gecovert haben, und vor allem an einer EM-Ergebniswelt mit Spielplan, die auch für uns überraschend gut auf Google sichtbar war. Beides führt zu dem satten Plus, für das wir erst mal gefeiert wurden. Im Juli war die EM aus, und ich habe vorsorglich allen Kollegen, die es wissen wollten, den Zusammenhang erklärt: ein Ausreißer wegen Sondereffekten, im Juli geht es sicher deutlich nach unten, nicht aufregen. Beim “Besser Online”-Kongress im August habe ich das Unique-User-Ranking vom Juni öffentlich auseinander genommen, um zu belegen, wie fragwürdig  manchmal Reichweitenzahlen im Onlinejournalismus sind (mehr hier). Meine Bitte war, hinter die Zahlen zu schauen, sie zu dekodieren und publizistische Seiten gerne mal wieder publizistisch zu ranken, wenn man schon etwas ranken muss.

Es hat nicht geholfen.

Weiterlesen

Besser Online

Wo steht der Onlinejournalismus 2012? Das war die Frage – im Folgenden eine Textversion meiner Antwort bei der Eröffnungsrede des Kongresses „besser online“ an diesem Samstag.

///

„Wir“: Dieses Wort in den drei folgenden Thesen soll bitte nicht missverstanden werden. Es ist eine generalisierende Referenz auf uns Journalisten in Deutschland, aber natürlich betreffen die Thesen nicht alle oder alle gleichermaßen. Es geht um eine Selbstkritik, wo wir als Profession dazulernen müssen.

„Peinlich“: Mit diesem Wort habe ich im Vortrag beschrieben, dass wir deutsche Journalisten in Summe noch viel zu wenig aus dem Medium namens Online machen. Es geht daher um Antworten auf die Frage, wie wir Journalisten unser Verständnis von Online ändern sollten, um besser zu werden, und was wir Onliner ändern können, um online besser zu machen.

Weiterlesen

Transparenz versus Tricks

/// Ergänzung zu  diesem Eintrag zu Qualität im Onlinejournalismus ///

So könnte der Beginn von Transparenz aussehen, wie sie der deutsche Onlinejournalismus  längst nötig hat. Im Gefolge einer Debatte, wie Nachrichtenseiten ihre Reichweitenzahlen künstlich hochschrauben, schlüsselt nach meiner Redaktion nun auch Focus Online die Zahlen von eingerechneten Subportalen auf: Diese Meldung auf meedia habe ich gestern Nacht erfreut wahrgenommen. (Genauso, dass Focus Online PR-Meldungen von news aktuell nun nicht mehr an Google News durchreicht; wobei sie noch immer auf der Nachrichtenseite selbst stehen – aber das ist ein anderes Thema.)

Und jetzt – sollten wir da nicht aufhören.

Weiterlesen

Qualität versus Tricks

/// Ergänzung zu  dieser Serie zu Qualität im Onlinejournalismus ///

Wir Journalisten haben uns angewöhnt, den Erfolg in unserer Branche nicht mehr journalistisch zu beurteilen, sondern zu messen. Die Auflage der Zeitungen, die Quote der Radio- und Fernsehsender, die Zahl der Klicks, Besuche und Besucher der Nachrichtenseiten – diese Zahlen wirken überzeugend, absolut, unangreifbar. Jeden Monat werden diese Reichweiten von den Fachdiensten verbreitet, und dann wird abgerechnet: Wer ist Top, wer ist Flop? Wer ist der Beste und Größte?

Die Frage, wer seine Leser klüger macht und wer dümmer, wäre zweifellos manchmal interessanter. Darüber können die Fachdienste nicht so leicht schreiben, denn man muss dann hinter die Zahlen schauen, was länger dauert: auf das, was Journalismus eigentlich ausmacht, auf die Fähigkeit einer Publikation zum Einordnen, Erklären und Hinterfragen.

Und gelegentlich muss man auch die Zahlen selbst einordnen, erklären und hinterfragen.

Weiterlesen

Qualität versus Nutzer?

/// Teil 5 und Ende dieser Serie zu Qualität im Onlinejournalismus /// Verfasst für dieses Buch ///

Sie haben nun in dieser Serie mehr als 30.000 Zeichen Text über Qualität im Journalismus gelesen. Bloß eine Frage ist noch immer offen: Was ist das eigentlich – Qualität im Journalismus?

Es fällt viel leichter, zu benennen, was nicht Qualität ist. Nackte Brüste, billige Klicktricks, überstürzte Eilmeldungen, unrecherchierte Geschichten, schlechte Texte von überarbeiteten Kollegen, innovationsfeindliche Redaktionen – das alles ist das Gegenteil von Exzellenz, darauf können sich wohl die meisten Menschen verständigen. Dies reicht allerdings nicht, um Qualität zu definieren.

Weiterlesen

Bonus: Qualität vs. Republishing

/// Bonustext zu dieser Serie über Qualität im Onlinejournalismus ///

Wer sich fragt, welche Tricks Online-Nachrichtenseiten anwenden, um Reichweite zu machen, sollte heute, am Morgen des 13. Juli, mal “Higgs-Boson” googlen. Und das hier steht dann in den Google News.

Man nennt das Republishing. In diesem Text auf journalist.de steht, was ich davon halte. Man muss sich klarmachen, was da passiert: eine Woche alte Texte vom 4. Juli werden am 12. Juli neu veröffentlicht, damit sie auf Google News noch mal gefunden und als “vor einem Tag” ausgeflaggt werden.

Für einen Chefredakteur, der das eigentlich nicht will, bedeutet das: Mach ich beim Republishing nun doch mit – wenn sogar Qualitätsseiten beginnen, dieses Spiel zu spielen? Soll ich es meinen Redakteuren verwehren, so Reichweite zu machen und ihre Jobs zu sichern? Generell gefragt: Soll ich aber wirklich mein knappes Personal daran setzen, billig Masse zu machen statt Klasse?

Die Entscheidung ist wirtschaftlich schwierig, weil diese Tricks in den Marktrankings durchschlagen und Seiten als Gewinner aussehen lassen, die publizistisch in Wahrheit keine sind – ich finde es einfach keinen guten Journalismus, sein jüngeres Archiv als “vor einem Tag” neu zu publizieren, um in Google höher zu kommen. Ich glaube auch nicht, dass das zum Aufbau einer starken Marke beim Leser führen wird.

Aber vielleicht liege ich ja falsch. Vielleicht muss ich umdenken.

PS: Die FAZ weist darauf hin, ihr Text sei nicht republisht, sondern von Google viel zu spät indiziert worden.

/// Serie Qualität im Onlinejournalismus /// Teil 12345, Bonus ///

Qualität versus Innovation

/// Teil 4 dieser Serie zu Qualität im Onlinejournalismus /// Verfasst für dieses Buch ///

Printredakteur: „Sie haben in meinem Artikel online einige Sätze unterstrichen! Wieso?“ – Online-Redakteur: „Äh, das sind Links.“

Dieser Dialog aus dem Jahr 2011, von einem Kollegen per Twitter verbreitet, illustriert die Diskrepanz zwischen alter und neuer Welt in der Publizistik. Vermutlich hat es der Printredakteur gar nicht mitbekommen, dass sich auf Twitter über seine Unkenntnis amüsiert wurde – denn wer Links in einem Online-Artikel nicht erkennt, kriegt vermutlich auch Gezwitscher nicht mit.

Weiterlesen