Plöchinger →

Journalist. München. Jahrgang 1976.

Wie Meedia seine Geschichte nicht totrecherchieren wollte

"Get it first, but first get it right."

Dieser angelsächsische Journalismusgrundsatz steht in unseren Redaktionsleitlinien vorne, und er bedeutet zum Beispiel: Wenn eine halbwegs eilige Nachricht über die Ticker kommt, wir aber nur eine Quelle haben oder Zweifel am Wahrheitsgehalt, dann melden wir sie erst mal nicht, sondern sichern uns ab. Wir wollen schnell sein, aber nicht so schnell, dass nicht stimmt, was wir schreiben.

Am Montag bedeutete das, dass wir es anders hielten als die Agenturen oder viele andere Nachrichtenseiten und die Meldung von der Wulff-Trennung nicht sofort publiziert haben, weil sie in den Tickern nur eine Quelle hatte: “Bild”. Wir aus der Online-Redaktion versicherten uns erst bei unseren Printkollegen, die die Informationen auch hatten und möglichst erst in der Dienstagsausgabe bringen wollten, über die Details, bevor wir die Trennung auch meldeten - zunächst (vielleicht etwas zu) agenturlastig, aber eben mit eigener Quelle, dann mit eigenem Stoff.

Man sollte uns wohl nicht vorwerfen, dass wir uns derart absichern und auf eigene Quellen setzen. Ein Kollege bei Meedia tut dies aber nun - indem er den Vorgang so interpretiert, dass wir über die “Bild”-Vorabmeldung einfach unseren Absender geschrieben haben. Das ist grundfalsch. Es sind nicht, wie in seiner Überschrift steht, aus “Bild”-Infos plötzlich bei uns SZ-Infos geworden. Man weiß bei seinen Vorwürfen vielmehr gar nicht, wo man mit dem Dekonstruieren anfangen soll.

Der erste Fehler des Kollegen war vielleicht, die Gegenseite – also uns – nicht korrekt zu konfrontieren (auch ein Prinzip aus zumindest unseren Leitlinien). Er schrieb mir am Morgen eine Mail, doch ich bin im Urlaub – weshalb er deutlich später einen meiner Vizes anschrieb und, nachdem dieser anderthalb Stunden lang nicht geantwortet hatte, weil er es wagte, in Konferenzen zu sein, die einseitige Geschichte auf Meedia einfach mal veröffentlichte. Auf Verdacht, dass die These schon irgendwie richtig ist. Beim Konfrontieren muss man der Gegenseite einen klaren Zeitrahmen nennen, lernen Journalistenschüler, oder zumindest die hohe Dringlichkeit klarmachen. Das tat der Kollege in seiner Mail nicht. Im Gegenteil verweist Meedia darauf, dass man immer Zeitdruck hat als Online-Medium. Gegenfrage: Wie groß kann der Zeitdruck am Mittwoch noch sein bei einem Thema vom Montag?

Die Mail des Kollegen insinuierte indes dasselbe wie der spätere Text: dass unsere Meldung auffällig war und dass wir die arme “Bild”-Zeitung missbraucht haben. So klare Indizien! (Schöner hätte sich Springer die Geschichte nicht träumen können.) Weshalb auf unsere Reaktion warten? If you can be first, does it really always have to be right?

So viel zum Zeitdruck. Auf Twitter habe ich Meedia am Mittag aus dem Urlaub heraus auf die Falschdarstellung hingewiesen. Um halb zwei schickte dann meine Stellvertreterin dem Kollegen eine Antwort, die auf alle seine Fragen eine klare Antwort findet – vor allem aber die Grundannahme seines Textes dementiert: dass wir eine “Bild”-Information als eigene ausgegeben haben. Dies stimmt schlicht nicht. Die gedruckte SZ, mit der die Kooperation so lehrbuchhaft lief, wie es zwischen Print und Online heute sein muss, wusste von der Trennung der Wulffs an jenem Vormittag auch, wollte die Information nur zurückhalten, außer jemand anders hat sie auch. Punkt. Aber vermutlich würde das der Kollege nicht glauben, wenn ich hundert Zeugen dafür aufbieten würde – Meedia zieht sich in einem inzwischen veröffentlichten zweiten Text (in dem man zwar das Zugeben von Fehlern anmahnt, aber selbst nicht auf die Idee kommt) einfach auf die Position zurück, das könne ja jeder behaupten. Hier jedenfalls der Wortlaut unserer Antwort an Meedia:

Wir freuen uns über Ihr Interesse an unserer Berichterstattung und hoffen, zur Aufklärung beitragen zu können.

Zur Sache: Die Information über die Trennung des Ehepaars Wulff lag unseren Kollegen der Süddeutschen Zeitung ebenfalls vor - allerdings hatte sie deren Quelle mit einer Sperrfrist bis 17 Uhr versehen. Als die Redaktion der “Bild” ihre Meldung am Vormittag veröffentlichte, haben wir uns nach kurzer Beratung und Rücksprache mit den informierten Kollegen der SZ dazu entschlossen, die Meldung ebenfalls zu bringen – aber eben mit Berufung auf unsere eigenen Quellen und nicht unter Berufung auf die “Bild”.

Schließlich lag die Information, wie gesagt, hier im Haus ebenfalls vor. In der Tat haben wir in den ersten Minuten in unserer Eilmeldung Sätze einer Nachrichtenagentur verwendet – so ist die Ähnlichkeit der Meldungen zu erklären. Im Zuge einer Aktualisierung des Artikels wurden dann die “CDU-Kreise” durch die Stellungnahme des Anwalts ersetzt, da der Anwalt darin die Trennung offiziell bestätigte und damit auch unsere Meldung. Wir bitten Sie, den dargestellten Sachverhalt in Ihren Artikel, der zu der Sache bereits erschienen ist, entsprechend einfließen zu lassen.

Im Übrigen erheben Sie sehr allgemein den Vorwurf, die Süddeutsche Zeitung hefte sich “exklusive Infos der Konkurrenz gerne ans eigene Revers”. Das ist nicht nur wahrheitswidrig, sondern auch unfair.

Für Rückfragen stehe ich gerne zur Verfügung.

Mehr muss man zu den Meedia-Texten nun nicht sagen. Ich hoffe, dass sich von dem versuchten Shitstörmchen des Branchendienstes kein Journalist davon abschrecken lässt, bei Ein-Quellen-Meldungen noch die zweite zu suchen und es hinzuschreiben, wenn er selbst eine Bestätigung für eine Nachricht hat.

Als ich Meedia um eine Korrektur bat, lehnte der Dienst das ab: kein Anlass. Man ergänzte den Text einfach um unsere Stellungnahme und rechtfertigte sich in einem weiteren, nun polemisch intonierten (“Schönfärberei”) – was vielleicht auch wieder praktisch ist. So kann sich nun jeder Leser einen eigenen Eindruck von journalistischen Leitlinien machen. Eine steile These, die nett klingt, lässt sich mancher Kollege halt nicht totrecherchieren. Auch wenn das nicht sehr angelsächsisch sein mag.

Anmerkungen

  1. von ploechinger gepostet