Plöchinger →

Journalist. München. Jahrgang 1976.

Wie wir die Revolution für eine Evolution nutzen müssen

Danke, liebe Kolleginnen und Kollegen aus dem schönen Zeitungshochhaus im schnöden Münchner Osten. Dieser öffentliche Dank ist fällig, eigentlich schon länger, spätestens jetzt. Bei der Wahl zum Chefredakteur 2012 des medium magazins bin ich – für mich recht überraschend – auf Platz drei gelandet, hinter Wolfgang Büchner und Christoph Schwennicke. Nun, was immer die Jury bewogen hat: Der Chef steht vielleicht vorne, aber das Team ist das Entscheidende. Die SZ ist für Onliner gerade der spannendste Ort in Deutschland, um den digitalen Journalismus in einem großen Medienhaus weiterzuentwickeln, nicht nur diesem Ranking folgend, sondern auch nach meiner Überzeugung nach beinahe zwei Jahren im Job. Und das liegt an den Kollegen.

Mehr will ich dazu nicht sagen, sondern den Anlass und den Jahreswechsel für etwas nutzen, das ich schon länger tun wollte: an dieser Stelle eine erweiterte Version des Gastbeitrags veröffentlichen, den ich in der Dezember-Ausgabe ebenjenes medium magazins geschrieben habe. Vor welchen Herausforderungen der Online-Journalismus steht, wenn er seinen Beitrag zur Zukunft des Journalismus leisten will:

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Manchen Kollegen wünscht man in diesen Monaten der Zeitungskrise, dass sie nur für ein paar Momente aus ihrer Haut fahren könnten. Sie sollten sich in einen 18-Jährigen hineinversetzen, der sich an eine Welt ohne Smartphones kaum noch erinnern kann. Oder in eine Fünfjährige, die versucht, eine Zeitschrift zu swipen, wenn sie sie durchblättern will - weil sie das vom iPad so kennt.

Und dann sollten die Kollegen 15 Jahre in die Zukunft reisen können. Wie werden sich die heute Jungen dann informieren? Auf Papier? Digital?

Egal.

Wer heute fordert, die Zeitung in gedruckter Form müsse ewig leben, weil Papier so schön raschelt (unlängst halbironisch auf dem taz-Titel), oder weil man damit Wespen totschlagen kann (kürzlich in einer Art Stern-Pro/Contra mit viel Konfliktpotential), oder aus anderen hölzernen Selbstbestätigungen heraus (die etwa hier kritisiert wurden), der macht es sich viel zu leicht angesichts der Umwälzung, die gerade geschieht. Es ist riskant, einfach nur die Schönheit des Altbewährten zu preisen, wenn das Neue für die Menschen da draußen immer attraktiver wird. Es ist noch riskanter, obendrauf das Neue zu verdammen – wie jüngst ein FAZ-Kollege, der missionarisch insinuierte, in diesem Internet stehe zu viel Geschwätz, und deshalb dürften Zeitungen nicht sterben. Wenn man von der leicht generalisierenden These wirklich überzeugt ist, dass im Internet zu viel geschwätzt wird: Wer soll das ändern, wenn nicht ein missionarischer Journalist? Eine solche Argumentation ist keine, sondern letztlich eine Ausrede.

Manche Kollegen sagen in diesen Monaten: Die Einstellung der Financial Times Deutschland, der Fall Frankfurter Rundschau, Springers Synergiekonzept bei Welt/Abendblatt/Morgenpost, das Print-Aus für Prinz, die Sparpläne bei Regionalzeitungen wie in Augsburg und Nürnberg, das Abfindungsprogramm bei der Berliner Zeitung et al. seien alles Einzelfälle mit ganz individuellen Gründen. Es sind leider zu viele Einzelfälle. Viele Pixel zusammen ergeben ein Bild. Werbe- und Marktplatzerlöse in Print schwinden schneller, als sie durch die billigeren Anzeigen im Netz aufgefangen werden. Das ist Problem 1. Dazu kommt Problem 2: Gerade junge Leser finden Nachrichtensites heute praktischer als Nachrichten-Seiten in Zeitungen. In der Bahn lesen morgens mehr Menschen auf Bildschirmen als in der Bild. Das digitale Informationsangebot ist so groß wie die Nachfrage – übrigens: auch die Nachfrage nach gutem Lesestoff, nicht nur nach billigen News, wie es jetzt wieder gern behauptet wird. Es gibt genug Leute, die im Internet Geschichten lesen wollen, kein Gesummse; ich sage nur: Longreads.

Wenn ein Kollege angesichts dieser Veränderungen noch im Jahr 2012 darauf setzt, den Verbreitungsweg Papier zu verklären, um Qualitätsjournalismus zu begründen, und so der Digitalisierung seines Jobprofils weiter zu entfleuchen versucht, der macht seinen Job nicht richtig. Besser formuliert: sichert seinen Job nicht für die kommenden Jahrzehnte (was vor allem für die jüngsten Kollegen wirklich eine existenzielle Herausforderung ist – das nur als kurze Antwort auf diesen Text, der sich auch auf eine Rede von mir bezieht).

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Auch ich lese gern Print. Ich kann das haptische Argument nachvollziehen, dass es ein schönes Gefühl ist, eine Art Weltenraffer in der Hand zu halten. Gedrucktem sei eine gute, lange Zukunft gewünscht; hoffentlich machen Zeitungen und Zeitschriften noch jahrzehntelang gute Umsätze, denn es geht hier um riesige Summen, die wir digital derzeit nicht erwirtschaften. Print ist gut, wichtig und keineswegs schon Vergangenheit. Man soll die Krise auch nicht künstlich größer reden, als sie ist. Wenn aber die aktuelle Generation führender Journalisten ein publizistisches Erbe hinterlassen will, das aus viel mehr als dem ach so parteifernen öffentlich-rechtlichen System besteht (von dem zumindest ich keine Quersubventionen haben will), und wenn die meisten Jüngeren von uns in zehn oder 15 Jahren noch einen Job haben wollen – dann sollten jetzt alle mal dorthin schauen, wo Mediennutzung seit langem boomt: in die digitale Welt.

Die Herausforderung dieser Jahre ist, das Konzept Presse in diese Welt zu übertragen – offensiv, lustvoll, innovativ. Und schnell, weil die Zeit knapp wird.

Man kann sich in diesen Monaten in Nostalgie oder Pessimismus flüchten. Aber was hilft es? Wieso nicht jetzt machtvoll neu denken, digital denken? Weil es Beweglichkeit und Neugier braucht? Journalisten müssen per Definition gierig auf Neues sein. Also los.

Aus Sicht eines Optimisten haben wir in der Krise eine Großchance: das in vielen Häusern belastete Verhältnis zwischen Print und Online grundlegend neu zu sortieren. Wir können beide Welten zusammenbringen, wenn wir kreativ sind; kreativ im Sinne von schöpferisch, und schöpferisch im Sinne von Schumpeter. Wir erleben gerade einen Schumpeter-Moment “schöpferischer Zerstörungskraft”, wie es auch die FTD-Chefredaktion in ihrem ersten Abschiedstext formuliert hat. Darum muss sich jetzt die vereinte Kreativität von Print- und Onlineredaktion, von Journalisten und Verlagskollegen auf die Erneuerung der Geschäfts- und Redaktionsmodelle richten. Viele Häuser sind diesen Strategiefragen lange ausgewichen. Das geht nicht mehr. Wir können den digitalen Umbruch natürlich überstehen. Wir können langfristig sogar profitieren. Wenn wir jetzt ein paar Dinge besser machen als in früheren Jahren – und herausfinden, was unsere jeweilige Marke in dieser schönen neuen Welt den Menschen noch bedeutet. Was unsere Marktlücke ist.

Am Ende werden sich beide journalistischen Welten ändern müssen, die gedruckte, aber auch jene im Internet. Viele Onliner mussten jahrelang in einer Schnell-und-billig-Boulevardkultur einsam vor sich hin kämpfen, denn nur wenige Titel haben ihre Digitalredaktionen ordentlich ausgestattet. Jetzt werden ebendiese Kollegen plötzlich richtig wichtig für die Zukunft. Sie müssen ihren Häusern helfen, in der Moderne der Netz-Ära anzukommen. Gleichzeitig müssen die Onliner ihr eigenes Geschäftsmodell hinterfragen. Denn das geht im Zeitungstrubel oft unter: Auch der Online-Werbemarkt wächst im Krisenjahr nicht mehr richtig, und die Frage ist, ob er je die Mutterredaktionen in Print miternähren kann. Die Zweifel sind groß. Die Frage nach neuen Geschäftsmodellen wird zurecht lauter, und sie fordert auch uns Onliner heraus. Lange haben wir gedacht, Paid Content werde in Deutschland nie funktionieren, weil irgendeine Site immer alle Inhalte kostenlos präsentieren wird. Heute glaube nicht nur ich, dass genug Leser kapieren, dass einige Sites bessere Inhalte anbieten und andere schlechtere – und dass sich diesen Lesern der Wert der besseren Sites am Ende erschließen wird. Es geht ja schon los. Die digitalen Abozahlen der SZ und des Spiegel, beides keine Tiefpreis-Produkte, machen Mut, dass manche Marken stark genug sind, um Geld zu verlangen. Das ist eine dieser Hoffnungsgeschichten, über die kaum einer berichtet, weil das Schreiben über Journalistenschwermut und angebliche Verlagsversäumnisse spannender ist.

Stellen wir uns nur mal kurz vor, es hätte sich auch in Deutschland ein Abo-Modell für Nachrichtenseiten etabliert, das gutes Geld bringt, bei dem Intensivleser für hervorragende Geschichten gerne bezahlen und sporadische Leser nicht verprellt, sondern umworben werden. (Meine Gedanken zu Leserclubs hier – wobei klar ist, dass ein Modell raffinierter sein sollte, als etwa hier kritisiert wird.) Wie anders würden wir jetzt debattieren und denken! Welcher Printkollege könnte, ja: wollte sich dem digitalen Fortschritt noch verweigern, wenn dieser im Wortsinn auch auf sein Konto einzahlt? Wer könnte noch das ewige und ewig falsche Qualitätsargument vorschieben, um Print und Online pseudoüberhöht zu trennen, wenn sich guter Journalismus offensichtlich in beiden Medien rechnen würde?

Umgekehrt könnten Onliner aufhören, den schnellen Klick mit Massenware zu suchen –  weil es lukrativer würde, mit überzeugenden Texten um jene Leser zu werben, die den Wert guter Arbeit erkennen und Sinn darin sehen, in solchen Journalismus Geld zu investieren. Schon jetzt ist es im digitalen News-Allerlei entscheidend, mit herausragender Leistung und Innovationen die eigene Marke von den vielen anderen abzuheben. Die New York Times hat das in diesem Dezember mit dem Reportage-Opus Snow Fall demonstriert, das sich in einen tollen Reigen interaktiver Projekte fügt und nicht nur eine beispiellose Multimedia-Erzählung war, sondern ein publizistischer Erfolg für die gesamte Redaktion – die in solchen Fällen nicht mehr in Kategorien wie Print oder Online denkt, sondern tatsächlich multi-medial. Das Vorbildhafte daran sind weniger die einzelnen Projekte an sich als die journalistische Strategie dahinter.

Einzigartigkeit als journalistische Marke ist eine Bedingung, wenn eine Redaktion digitale Leser um Geld bitten will. Exklusivität und Exzellenz werden überlebenswichtig – auch im Netz. Das ist eine gute Nachricht. Darauf kann man womöglich ein neues Geschäftsmodell bauen - der vielleicht interessanteste Unterstützer dieser These ist nunmehr Andrew Sullivan.

Es gibt keine Garantie, dass es klappt. Es gibt aus meiner Sicht aber keine Alternative, wenn man die Zukunft großer Redaktionen absichern will.

Das Spannendste an solchen Gedanken ist für mich im Übrigen, dass im Zentrum unsere Leser stehen. Wir müssen uns künftig ernsthaft um sie bemühen, auf sie und ihre Interessen reagieren und mit ihnen reden. Die taz-Genossen oder die NPR-Hörer in den USA wissen, warum sie für das Überleben ihrer Lieblingsmedien bezahlen. Wir anderen müssen genauso eine verschworene Gemeinschaft mit unseren Sympathisanten etablieren.

Viele von uns müssen dafür ihre grundsätzliche Haltung gegenüber der Welt da draußen verändern. Lange konnten wir Journalisten straflos auf Leser herunterblicken und an ihnen vorbeischreiben. Jetzt strafen sie uns zum Beispiel dadurch ab, dass sie ihre Kritik an unseren Artikeln massenhaft mailen oder shitstormen, dass sie kommentieren, bloggen – oder manche Texte schlicht nicht anklicken und uns so ihr Desinteresse signalisieren. Und das ist nicht die einzige Herausforderung. Öffentlichkeit wird inzwischen oft ganz ohne uns Journalisten hergestellt. Wenn Parteien oder Konzerne im Netz direkt mit Bürgern oder Kunden kommunizieren, wenn Fachblogger Spezialthemen besser beackern als wir Generalisten, wenn auf Twitter coole Geschichten aus aller Welt schneller verbreitet werden als durch die Agenturen oder uns, dann unterhöhlt das unsere Relevanz als etablierte Redaktionen. Wir müssen daraus lernen. Vor allem: lernen, wie wir mit digitalen Mitteln besser arbeiten und durch bessere Arbeit unsere Leser ständig neu überzeugen.

Fortschrittliche Kollegen scannen jeden Morgen die Lage auf Twitter und kontaktieren Politiker gleich dort, um schneller an ihre Geschichten zu kommen. Sie analysieren mit Hilfe des Netzes, welche Themen und Texte beim Publikum trenden. Sie reagieren auf Fragen von Lesern, danken zum Beispiel für Fehlerhinweise und stellen öffentlich Recherchefragen. Sie vernetzen sich, auch mit dem Publikum, machen ihren Journalismus transparenter, tun damit etwas zutiefst Publizistisches: Sie werden Dienstleister in und an der Öffentlichkeit.

Manchen Kollegen wünscht man in diesen Monaten, dass sie für ein paar Momente aus ihrer Haut fahren und sich in diese neue Welt hineinversetzen könnten – um zu erkennen, dass sie nicht nur ein Krisenmotor ist, sondern auch eine Verheißung.

Anmerkungen

  1. handyverstrag360 hat diesen Eintrag von ploechinger gerebloggt und das hinzugefügt:
    Danke, liebe Kolleginnen und Kollegen aus dem schönen Zeitungshochhaus im schnöden Münchner Osten. Dieser öffentliche...
  2. pjebsen hat diesen Eintrag von ploechinger gerebloggt
  3. rhebs hat diesen Eintrag von ploechinger gerebloggt und das hinzugefügt:
    Papier weniger…..alle Abos sind abgemeldet!
  4. hschellk hat diesen Eintrag von ploechinger gerebloggt und das hinzugefügt:
    Pflichtstück zum Thema
  5. von ploechinger gepostet