Plöchinger →

Journalist. München. Jahrgang 1976.

Wieso wir klüger debattieren müssen

Schauen Sie dieses Video an und zählen Sie, wie oft sich das weiße Team den Ball zuwirft. Schauen Sie genau hin und lassen Sie sich überraschen.

Verzeihen Sie, wenn Sie den Film schon kannten – er ist von 1999, ein populäres Mem der Internet-Geschichte, aber man muss den Gorilla aus den Tiefen von YouTube holen, wenn man die Debatte um das Leistungsschutzrecht 2012 filetieren will.

Fangen wir mit ein paar Zahlen an. Die Webseite, an der ich im Hauptjob arbeite, hat monatlich mehr als 37 Millionen Besuche. Als ich das letzte Mal nachgesehen habe, kamen 7 Prozent dieser Visits über Google News, 18 Prozent über allerlei Google-Suchen und 15 Prozent über Google-Suchen nach unserem Markennamen. In der aktuellen Debatte über Artikelauszüge vulgo Snippets geht es entweder um die 7 Prozent oder auch noch um die 18 Prozent, je nach Auslegung des Begriffs. Nehmen wir nun über den Daumen gepeilt an, Google sollte uns im Falle eines Leistungsschutzrechts grob gesagt einen Cent pro Besuch zahlen (was vermutlich hoch gegriffen wäre): Dann würde das bei zusammen 25 Prozent Visit-Anteil insgesamt Einnahmen von 92.500 Euro bedeuten. Wenn Google beschlösse, stattdessen das Geld zu sparen und uns wegen eines Leistungsschutzrechts aus Google News auszusperren, also uns bloß mal die 7 Prozent wegnähme, verlören wir 7 Prozent unserer Visit-Reichweite und vermutlich noch mehr Leser – weil Google-Nutzer seltener, aber zahlreicher kommen als die Kernleserschaft. Ohne ins Detail unserer Umsatzzahlen gehen zu wollen, könnte das Verluste im mittleren sechsstelligen Bereich bedeuten. Jeder kann sich ausrechnen, was das Risiko am Ende der Debatte ist und wie groß die Wahrscheinlichkeit wäre, Ansprüche gegen Google im Falle eines Gesetzesbeschlusses auch durchzusetzen zu können. (Ganz abgesehen davon, dass die aktuelle Gesetzentwurfsformulierung durchaus auch nette kleine Portale wie Rivva bedroht, was keiner wollen kann.)*

Viele fragen, warum wir Online-Journalisten uns so zurückhalten oder lavieren angesichts der digitalpolitischen Dimension des Themas. Was mich angeht: Erstens stimmt das so nicht. Zweitens, weil ich lieber ruhig hier argumentiere, als in der allfälligen Hysterie dieser sogenannten Diskussion zu versinken. Die Auseinandersetzung mit dem Thema verläuft so holzschnittartig, dass man sich mit einer abwägenden Haltung kaum noch bewähren kann – weil man sich sofort dem Vorwurf auszusetzen droht, es sich in der argumentativen Mitte bequem machen zu wollen, was falsch ist. Drittens, weil ich Google natürlich aktiv mit unseren Inhalten beliefern lasse, um möglichst viele neue Leser aus der Suchmaschine zu bekommen, Stichwort SEO, und wir sind da nicht mal die schlimmsten, Stichworte ausgerechnet Springer und Burda. Viertens, weil ich in diesen Zeiten natürlich um jede zusätzliche Einnahme für mein Haus froh wäre – mir aber obige Zahlen ansehe und #ausgründen #robots.txt etc.

Und fünftens wegen des Gorillas aus dem Video.

Die wissenschaftlich fundierte Lehre aus dem Film ist: Wenn wir Menschen uns auf ein bestimmtes Ding ganz arg konzentrieren, dann übersehen viele von uns plötzlich andere Dinge, die eigentlich ziemlich auffällig sind. Unaufmerksamkeitsblindheit heißt das, “bedingt durch die eingeschränkte Verarbeitungskapazität des menschlichen Gehirns”, schreibt Wikipedia. In der aktuellen Debatte haben viele von uns Probleme, das Phänomen Google zu verarbeiten.

Schwarz-Weiß-Menschen neigen dazu, gerade digitale Milliardenkonzerne wie Apple, Microsoft oder Google entweder sehr gut oder sehr böse zu finden; da hilft es auch nichts, wenn das Firmenmotto “Don’t be evil” ist. Nun sind diese moralischen Zumessungen an Unternehmen kindlich. Unternehmen wollen Geld verdienen; im Zweifelsfall handeln sie dabei so gut oder böse, wie es zum einen das Geschäft und zum anderen die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zulassen.

Betrachtet man Google, laufen die Geschäfte. Das Unternehmen ist faktisch Monopolist für die Suche im Netz, und weil man in einem Meer von Informationen viel suchen muss, schafft dieser Monopolist immer häufiger einen sogenannten Lock-in seiner Kunden: Sie sind in der Google-Welt gefangen. Und sie sind es gern. Beim Suchen und Mailen, beim Texten, Tabellieren und Präsentieren – auch meine Redaktion nutzt gerne Google Docs –, beim Telefonieren, Kaufen und Bezahlen, beim Navigieren und eben Nachrichtenlesen, man kann so weitermachen. Ein Monopol strebt danach, sich in viele Bereiche hinein zu vergrößern (was Google gerade durchaus unter Druck macht), aber wenn die Kunden mitziehen, schafft es das. Googles Mission ist, die Informationen der Welt zu erschließen, wobei eine Information aus der Meta-Perspektive quasi alles sein kann, woraus die Welt besteht; also geht es ums Globale. Und damit um die oben erwähnten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, die man setzen sollte.

Dass ein Leistungsschutzrecht dabei in Wahrheit viel zu kurz greift, weil es sich nur mit einem Aspekt von Googles Geschäftsgebaren befasst, hat Philipp Klöckner in diesem lesenswerten Text aufgeschrieben. Er spricht von einem Monopoly. Der Mann hat ein Eigeninteresse, sich über Google zu beklagen*, weil er ein Opfer von dessen Algorithmen ist, aber darum geht es nicht. Sein Text lenkt den Blick darauf, dass unser Verhalten im Netz von Algorithmen abhängt, die wir nicht restlos verstehen und nicht verstehen sollen. Die Rechenergebnisse sind natürlich auch bei Google kommerziell geprägt, weil ein börsennotierter Konzern immer mehr Geld verdienen will und muss. Wie soll ein Monopolist das schaffen, wenn er nicht expandiert und dabei andere Marktteilnehmer angreift? Das Filtern der Welt ist dabei ein wichtiges Werkzeug von Google wie auch von Facebook, und Eli Pariser hat in seinem wegweisenden Buch “Filter Bubble” präzise beschrieben, wie unser digitales Leben dadurch verformt wird.

Die Menschen, die derlei Kritik vorbringen, sind Netzprofis – während sich zum Beispiel Miriam Meckel wegen eines ähnlich gelagerten Artikels in der SZ am Wochenende kritisieren lassen musste, in einem Text des Kollegen Christian Jakubetz, der so schließt:

“Es macht auch nicht allzu viel Sinn, halbstaatliche Sanktionen verhängen und die Konzerne in ihre Schranken weisen zu wollen. Sie machen ihr Geschäft, sie machen es wenigstens aus ihrer Sicht auch gut - und die Nutzer haben mit ihren Klicks abgestimmt. Die Großkonzerne im Netz sind letztendlich durch sie entstanden, und durch sie werden sie auch wieder zurechtgestutzt.”

Ich bin mir da nicht sicher, sondern marktliberal – und deshalb prinzipiell für die Idee einer starken Kartellaufsicht. Die digitalen Märkte monopolisieren sich schneller als die klassischen, von globalen Angeboten wie Such- und Freundesplattformen bis zu nationalen wie Immobilien- und Stellenmärkten. Google ist im Internet dank des hohen Konzentrationstempos binnen zehn Jahren zu einer Art essentiellem Infrastrukturanbieter geworden, vergleichbar der Bahn oder der Telekom in Deutschland – nur dass diese Konzerne weitreichender staatlicher Aufsicht unterliegen, sobald es um eine Grundsicherung des Angebots für die Nutzer geht. Ohne eine solche Kontrolle drohen Kartelle prinzipiell immer, dysfunktional zu werden und innovative Entwicklungen zu hemmen.

Bei den Big Four Google, Amazon, Facebook und Apple habe ich das Grundgefühl, dass wir mehr Kartellkontrolle bräuchten – dass die Marktaufseher aber von der Materie zu wenig verstehen oder keine Hebel haben. Jede Pressefusion wird in Deutschland immer noch dramatisch schärfer beaufsichtigt als die Konzentrationsprozesse im Netz, dem neuen Medium der Massenkommunikation. Weil die zugrundeliegenden Prozesse weltweit ablaufen? Weil die Digitalkonzerne kaum greifbar sind? Es kommt zu einem lächerlichen Ungleichgewicht der Regulierung, wenn hierzulande zum Beispiel RTL und ProSieben keine gemeinsame Videoplattform im Netz eröffnen dürfen, zugleich aber natürlich die US-Giganten das Fernsehen im Internet erobern, auch in Deutschland.

Wer glaubt, der Nutzer werde am Schluss den Missbrauch von Marktmacht bestrafen, sei gewarnt: Ich kenne viele Menschen, die über Bugs des iPhone 3, 4, oder 5 geflucht haben, aber dann nicht zu Android gewechselt sind, weil sie ihre iTunes-Lieder nicht aufgeben wollten. So funktioniert Lock-in. Außerdem – bevor ein Nutzer Google freiwillig verlässt, muss ein besseres Google erfunden werden. Danach sieht es nicht mehr aus. Ein Marktführer ist nur bedroht, wenn ein innovativer Rivale entsteht, und das ist nicht garantiert, wenn es um komplexe Techniken geht.

Ein interessanter Randaspekt des Streits über das Leistungsschutzrecht ist, dass die Verlagsvertreter und die durchschnittlichen Digital-Aktivisten eigentlich näher beisammen sind, als sie denken. Letztere werfen Ersteren in diesem konkreten Fall vor, Klientelpolitik mit schlechten Argumenten zu machen. So be it. Doch abgesehen davon: Grundsätzlich verbindet beide Lager ein diffuses Misstrauen gegenüber Google. Auch Internet-Aktivisten finden es ja gefährlich, wie der Konzern in Sachen Netzneutralität oder beim Polieren von Suchergebnissen agiert. Ginge es um solche Themen, würden sie dem Konzern die Kampagne “Schütze Dein Netz” genauso als Anmaßung vorwerfen, wie es jetzt Printkollegen tun. Ein Konzern kämpft im Zweifel immer nur für die Freiheit, die ihm nützt, nicht für einen gesellschaftlichen Wert an sich. Das ist ihm nicht vorzuwerfen. Nur sollte er darauf verzichten, sich zum Rebellen zu überhöhen. (Auch Verlagsvertreter sollten das an dieser Stelle lassen, um das zu ergänzen – weil es einen nicht ziert, Gleiches mit Gleichem zu vergelten.)

Das Ärgerliche an der aktuellen Debatte ist, dass sie in ihrer Plattheit die größere Diskussion in den Hintergrund treten lässt: darüber, dass Google kein friend ist und kein enemy, sondern ein frenemy. Ein Unternehmen, das Respekt verdient, weil es Großes geschaffen hat und weiter schafft – das deshalb aber größere Aufmerksamkeit braucht als eine Beinahe-Geisterstunde im Bundestag zu einem durchaus hinterfragens- und diskussionswürdigen Nebenthema.

Schauen Sie sich das Video von dem Gorilla noch einmal an. Beim zweiten Mal sehen Sie ihn, und Sie reagieren klüger.

*hier die Reaktion von Christoph Kesse, hier die von Philipp Klöckner

Anmerkungen

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