Plöchinger →

Journalist. München. Jahrgang 1976.

Transparenz versus Tricks

/// Ergänzung zu  diesem Eintrag zu Qualität im Onlinejournalismus ///

So könnte der Beginn von Transparenz aussehen, wie sie der deutsche Onlinejournalismus  längst nötig hat. Im Gefolge einer Debatte, wie Nachrichtenseiten ihre Reichweitenzahlen künstlich hochschrauben, schlüsselt nach meiner Redaktion nun auch Focus Online die Zahlen von eingerechneten Subportalen auf: Diese Meldung auf meedia habe ich gestern Nacht erfreut wahrgenommen. (Genauso, dass Focus Online PR-Meldungen von news aktuell nun nicht mehr an Google News durchreicht; wobei sie noch immer auf der Nachrichtenseite selbst stehen – aber das ist ein anderes Thema.)

Und jetzt – sollten wir da nicht aufhören.

Wenn eines der größten Ziele brancheninterner Kritik nach vorne prescht, wird die  Forderung nach transparenteren Reichweitenzahlen an IVW und AGOF deutlicher. Die beiden Organisationen erheben die monatlichen Marktrankings und sollten ihre Messinstrumente justieren – denn im jetzigen Zustand werden sie dem Markt nicht mehr gerecht. Nehmen Sie die folgende Grafik, und verzeihen Sie mir, wenn es nun etwas technischer wird:

Traffic-Reichweitenverteilung Schema

Nehmen wir an, eine Hauptseite mit mehreren Subseiten würde im Monat N Besuche vulgo Visits generieren. Die Hauptseite heißt A (zum Beispiel Süddeutsche.de), Nebenseiten sind B (abendzeitung-muenchen.de) und C (mux.de – jaja, die Proportionen in der Grafik sind nicht annähernd korrekt).

Nun kommt es vor, dass ein Leser von A nach B springt (von Süddeutsche.de zu abendzeitung-muenchen.de). Das ist eigentlich jeweils ein Visit für Seite A und Seite B. Für die IVW, die die Visits offiziell zählt, ist es aber nur ein Visit für das Gesamtsystem N. Sie schlüsselt die Visits, die wichtigste Reichweiten-Währung Deutschlands, nicht in A, B oder C auf – weil sie die Überschneidungsmengen 1, 2, 3 und 4 nicht standardisiert erhebt.

Sie können das Gleiche mit Lesern vulgo Unique Usern durchspielen, für die die AGOF zuständig ist. Das ist die zweitwichtigste Reichweiten-Währung.

Beide Kennziffern werden erhoben, weil Anzeigenkunden wissen wollen, wie viele Millionen Leser sie erreichen. Sie bekommen gerade öfter die Zahl N gesagt, obwohl sie A wissen wollen, ohne B und C. (Wir tun das übrigens nicht; abendzeitung-muenchen.de hat sogar einen anderen Anzeigenvermarkter, weshalb die Einrechnung uns gar nichts bringt, außer dass wir einem verbandelten Verlag gerne helfen.)

Diese für Laien vermutlich kaum nachvollziehbare Eigenheit ist der Grund, wieso alle Nachrichtenseiten nur Schätzwerte für ihre Haupt- und Subseiten nennen können, die aus internen Messprogrammen kommen. Die einzige Reichweitengröße, die bisher trennscharf ausgewiesen wird, sind Klicks vulgo Page Impressions; aber auf diese leichtestmanipulierbaren Werte schaut die Branche inzwischen zurecht kaum noch.

Noch schöner wäre es freilich, wenn die Branche künftig mehr auf publizistische Werte schauen würde – aber das habe ich hier ja schon ausgeführt.

Anmerkungen

  1. von ploechinger gepostet