Qualität versus Nutzer?
/// Teil 5 und Ende dieser Serie zu Qualität im Onlinejournalismus /// Verfasst für dieses Buch ///
Sie haben nun in dieser Serie mehr als 30.000 Zeichen Text über Qualität im Journalismus gelesen. Bloß eine Frage ist noch immer offen: Was ist das eigentlich – Qualität im Journalismus?
Es fällt viel leichter, zu benennen, was nicht Qualität ist. Nackte Brüste, billige Klicktricks, überstürzte Eilmeldungen, unrecherchierte Geschichten, schlechte Texte von überarbeiteten Kollegen, innovationsfeindliche Redaktionen – das alles ist das Gegenteil von Exzellenz, darauf können sich wohl die meisten Menschen verständigen. Dies reicht allerdings nicht, um Qualität zu definieren.
Wikipedia versteht unter dem Begriff positiv gewendet „die Güte aller Eigenschaften eines Objektes, Systems oder Prozesses“. Und dann weiter unten, in der Definition des „kundenbezogenen Qualitätsverständnisses“, welches in einem immer schwierigeren Markt wie dem journalistischen vielleicht das entscheidende ist: Qualität sei „die perfekte Realisierung aller Kundenanforderungen“.
Wer es dem Nutzer Recht macht, der macht gute Arbeit – ist das die Antwort?
Sicher nicht, werden nun jene sagen, die völlig zurecht darauf hinweisen, dass die Nutzer es sind, die unsaubere Praktiken im Online-Journalismus durch Milliarden, Billionen, Billiarden Klicks honorieren. Und doch liegt genau hier die Antwort versteckt.
Viele Online-Leser der New York Times würden natürlich eine trashige Bildergalerie schnell mal ansehen, falls die Seite sie im Angebot hätte. Aber trashige Bildergalerien wären nicht der Grund dafür, zur New York Times zu kommen. Im Gegenteil wäre ein solches Angebot schädlich für die Marke. Die Nutzer mögen klicken, aber sie erwarten eigentlich etwas anderes, Bessereres von diesem Produkt. Sie entscheiden sich bewusst für die New York Times – weil sie für einen Qualitätsbegriff steht, den sie über Jahrzehnte durch harte Arbeit definiert hat. Die New York Times bestimmt selbst, was für sie Qualität ist; so tun es auch der Spiegel, die SZ und alle anderen, jeweils für sich.
Es gibt kein einheitliches Premium-Gütesiegel für Journalismus, und das ist gut so, weil wir keine Aufsichtsbehörde möchten, die darüber wacht. Genauso gut ist, dass es berufsethische Schranken gibt, die nicht unterschritten werden dürfen – darüber wachen dann Presserat, Bildblog, Medienjournalisten und andere Kritiker. Aber darüber hinaus haben wir gute Erfahrungen damit gemacht, dass der freie Markt entscheidet, was zum Beispiel eine gute Tageszeitung ist und was nicht. Die Leser haben Qualität schätzen gelernt. Ihnen diese Qualität auch im digitalen Raum zu bieten, ohne sie mit intellektuell unterforderndem Einerlei abzuspeisen, muss der publizistische Anspruch jedes Journalisten sein. Da geht es um demokratische Kultur und eine historische Verantwortung, die auch im neuen Medium Verpflichtung ist.
Die Qualität und der Nutzer: Das ist ein kampferprobtes Verhältnis. Jede Redaktion in Deutschland (außer eine) kennt aus Leserbriefen den Vorwurf: „Das ist jetzt aber Bild-Niveau.“ Jeder Leser, Zuhörer, Zuschauer oder Nutzer hat in der Regel ein präzises Bild davon, was sein Lieblingsmedium tun darf und was nicht, was seine persönliche Qualitätsschwelle unterschreitet und was noch zulässig ist, und er macht es den Redaktionen immer wieder deutlich. Kaum etwas wird bei Zeitungen und Zeitschriften mehr gefürchtet als Abo-Kündigungen aus inhaltlichen Gründen. Das Spannende und Neue am digitalen Raum ist, dass man mit dem Publikum in einzigartiger Weise über genau diese inhaltlichen Gründe sprechen kann.
Wenn eine Redaktion zum Beispiel beschließt, das Leichenfoto eines getöteten Diktators wie 2011 im Fall Gaddafi nicht zu zeigen – dann kann sie ihren Lesern diesen Beschluss offen mitteilen, mehr noch: Sie kann mit ihren Online-Lesern darüber diskutieren. Sie kann mit ihren Kunden eine Qualitätsdebatte führen. Was für eine Chance!
Auf einigen Nachrichtenseiten bekommen die Nutzer schon jetzt grundsätzliche Entscheidungen in Redaktionsblogs erklärt. Sie können mit Redakteuren auf Twitter oder anderswo diskutieren. Sie können Mails schreiben und Antworten bekommen. Die Nutzer schätzen das nicht nur, sie lieben es. Und sie merken sich die Medienmarken, die so offen sind, dass man mit ihnen sogar über journalistische Standards debattieren kann. Derlei Transparenz ist kein Selbstzweck, sie bedeutet Leserbindung.
Transparenz ist im Übrigen auch die beste Reaktion, wenn man mal ein Qualitätsproblem hat. Man kann von Watchblogs wie Bildblog halten, was man will. Manchmal wirkt ihre Polemik so bitter-spöttisch, als wären die kritisierten Journalisten einfach dämlich. Manchmal halten sie selbst journalistische Standards nicht ein (es soll schon passiert sein, dass betroffene Redaktionen nicht angehört wurden oder dass aus nicht öffentlichen E-Mails zitiert wurde). Geschenkt. Die Watchblogs sind eine großartige Neuerung für die deutsche Medienlandschaft.
Watchblogs haben der Debatte über Qualität, ethische Probleme und simple sachliche Fehler zumindest in der Netz-Öffentlichkeit breiten Raum verschafft. So sehr man sich ärgert, wenn man ertappt wird: Aus Schaden kann man klüger werden. So haben sich die besseren Nachrichtenseiten inzwischen ein kluges System überlegt, wie sie Fehler so korrigieren, dass es den Leser nicht verwirrt, weil sich ein Artikel plötzlich entscheidend verändert hat, sondern ihn aufklärt, mitnimmt und ihm das gute Gefühl gibt, dass hier verantwortungsbewusste Redakteure am Werk sind.
War eine Eilmeldung falsch? Dann löscht man sie nicht aus dem Netz, denn das Internet vergisst nichts und soll auch nichts vergessen – sondern man korrigiert die Meldung, und zwar umfassend und ehrlich. Ans Ende schreibt man eine Anmerkung: Diese Meldung lautete vorher anders, wir haben einen Fehler gemacht, aus den folgenden Gründen, und wir haben uns korrigiert, wir bitten um Entschuldigung. Das ist die beste, da einzige Möglichkeit, durch Fehler zerstörtes Vertrauen wiederherzustellen. Am Ende fassen die Leser vielleicht sogar mehr Vertrauen als vorher. Denn wer sich zu seinen Fehlern bekennt, zeigt Größe, und Größe zählt.
Vor fünf Jahren hätte man über dieses Thema wohl anders geschrieben – da war eine solche Einsicht nicht so verbreitet wie heute. Denn, und das ist die gute Nachricht: Online-Journalismus hat einen Reifungsprozess durchlaufen, und natürlich hat die Debatte über die Nicht-Qualitäten von Nachrichtenseiten Spuren hinterlassen. Man kann darüber streiten, ob die Branche weit genug gekommen ist oder ob es zu langsam ging, aber unterm Strich hat die digitale Publizistik an Wert gewonnen.
Professionalisierung nennt die Wissenschaft das, was die Online-Branche gerade erlebt.
Konvergenz heißt ein anderer Effekt. Die Social-Media-Welle und das Aufkommen von Zeitungs-Apps für das iPad haben in jüngster Zeit ganze Zeitungsredaktionen dazu getrieben, sich mit der elektronischen Zukunft des ehemals nur gedruckten Wortes zu beschäftigen. Immer mehr Kollegen aus älteren Medien entdecken die Online-Welt – auch dank des Smartphone-Booms, der digitale Informationen immer und überall verfügbar macht, und weil viele Kollegen gespannt bis verspannt den Medienbruch in den USA beobachten.
Vor zehn Jahren wurde in deutschen Redaktionsstuben tatsächlich die These vertreten, das Internet könne ein Hype sein, eine vorübergehende Erscheinung. Heute glaubt niemand mehr, dass an digitalen Medien ein Weg vorbeiführt – sich auf sie einzulassen, ist schon wegen der ökonomischen Chancen alternativlos.
Und in zehn Jahren? Wenn sich die alte Welt wirklich der neuen öffnet: Wie groß wird die Kluft zwischen beiden in zehn Jahren noch sein? Wie wird dann Journalismus funktionieren, wenn die allermeisten Redakteure die Chancen des Multimediums Internet schätzen gelernt haben? Wenn sie selbst keinen Unterschied mehr machen wollen, wo sie veröffentlichen, sondern selbstverständlich ihre Recherchen im Netz verbreiten möchten – weil sie beschlossen haben, auf das größtmögliche Publikum zielen?
Für den Leser wäre das eine Revolution. Er bekäme Vielfalt. Und würde für gute Recherchen vielleicht sogar Geld bezahlen.
Für die Online-Qualitätsdebatte der vergangenen Jahre wäre es das verdiente Ende. Natürlich gäbe es noch Fehler und Verfehlungen bei Texten im Internet. Aber diese würden kaum noch für eine grundsätzliche Diskussion über Probleme im Online-Journalismus taugen – sondern über Probleme einzelner Redaktionen oder, im Zweifel, journalistische Probleme an sich.
Online als Vorsilbe würde aus der Qualitätsdebatte verschwunden. Der erwähnte Comic von 2009 wäre dann ein historisches Dokument.
Daran sollten wir Online-Journalisten arbeiten.
/// Serie Qualität im Onlinejournalismus /// Teil 1, 2, 3, 4, 5, Bonus ///