Plöchinger →

Journalist. München. Jahrgang 1976.

Qualität versus Innovation

/// Teil 4 dieser Serie zu Qualität im Onlinejournalismus /// Verfasst für dieses Buch ///

Printredakteur: „Sie haben in meinem Artikel online einige Sätze unterstrichen! Wieso?“ – Online-Redakteur: „Äh, das sind Links.“

Dieser Dialog aus dem Jahr 2011, von einem Kollegen per Twitter verbreitet, illustriert die Diskrepanz zwischen alter und neuer Welt in der Publizistik. Vermutlich hat es der Printredakteur gar nicht mitbekommen, dass sich auf Twitter über seine Unkenntnis amüsiert wurde – denn wer Links in einem Online-Artikel nicht erkennt, kriegt vermutlich auch Gezwitscher nicht mit.

Außerdem illustriert der Dialog ein anderes Phänomen: Im Digitalen verwischen Grenzen, wie wir sie bisher kannten. Hat der twitternde Kollege die Begebenheit nun als Redakteur verbreitet oder als Privatmann – schließlich war es sein persönlicher Account? Fällt ein solcher Dialog nicht unters Redaktionsgeheimnis, oder ist es nicht ein tolles Mittel des Leserdialogs, derlei Kuriosa mit dem Publikum zu teilen? Auf diese Fragen gibt es keine abschließenden Antworten. Es läuft da gerade ein gigantisches Experiment: Eine global tickende Technik- und Informationsindustrie, die sich mit Innovationen ständig überbietet, trifft auf die traditionell orientierte Journalistenzunft, die insgeheim wenig Lust hat, sich immer wieder neu zu erfinden. Man kann in deutschen Redaktionen immer wieder solche Sätze hören:

Multimedia? Soll ich jetzt noch die Kamera mitnehmen, wenn ich auf Termine gehe?

Twitter? Das Ding mit den 140 Zeichen? Das ist doch kein Journalismus!

Facebook? Wer braucht das denn! Das ist eine Datenkrake!

Suchmaschinenoptimierung? Wo sind wir bitteschön! Ich weiß selber, wie eine schöne Überschrift funktioniert, dafür brauche ich doch Google nicht!

Das ist der Konflikt Qualität versus Innovation – was zunächst widersinnig klingt, weil sowohl Qualität als auch Innovation positiv besetzte Begriffe sind. Trotzdem neigen Journalisten, die eigentlich Neugier in ihrer Berufsbeschreibung stehen haben, häufig zur Negation neuer Techniken. Sie tun diese oft sogar als minderwertig ab. Da wird dann das Qualitätsargument benutzt, um das Weiterdenken zu unterbinden.

Dieser Konflikt ist die logische Fortsetzung des Konflikts um den angeblich zweitklassigen Online-Journalismus, nur auf neuerem Gebiet. Wenn es um innovative digitale Techniken geht, ist in Medienhäusern ein Clash der Kulturen zu bestaunen. Dass daraus kein Kampf der Kulturen wird, sondern am Ende möglichst eher die Chancen als die Risiken gesehen werden, ist die diplomatische Aufgabe der Online-Journalisten, die als Vermittler notgedrungen irgendwo in der Mitte stehen.

Schädlich ist dieser Clash, weil Journalisten nützliche neue Spielarten ihres Handwerks zu verpassen drohen. Social-Media-Recherchen und Leserdialog, Crowdsourcing über Wiki-Plattformen und Datajournalismus sind machtvolle Entwicklungen, die vor allem im angelsächsischen Raum investigative Berichterstattung vielfach bereichert oder gar erst ermöglicht haben.

Technik ist selten per se gut oder schlecht – es kommt darauf an, wie man sie nutzt. In einer Zeit, da ihre Zunft existenziellen Bedrohungen ausgesetzt ist, sollten Journalisten lernen, das Gute in Techniken zu sehen und mit ihrer Hilfe Wertvolles zu schaffen, das sie, das Publikum und die Gesellschaft weiterbringt. Es ist schädlich, dass die deutschen Medien sich so wenig von den angelsächsischen abgucken, die weit voraus sind, wenn es um Innovationskraft geht und darum, Potentiale neuer Entwicklungen zu nutzen.

Höchstwahrscheinlich sind sie deshalb weiter als wir, weil sie schon tiefer in der Krise gesteckt haben. Im angelsächsischen Raum hat sich die Kommunikationskultur stärker verändert als hierzulande – sie ist heute deutlich fragmentierter und digitaler als vor fünf oder zehn Jahren. Blogger und Aggregatorenseiten wie die Huffington Post machen etablierten Redaktionen Konkurrenz und verdrängen sie bei vielen Nutzern als Navigationshilfe durch die Informationswelt, ähnlich wie dies auch Twitter, Facebook und andere Social Networks tun. Die Netzwerke, eigentlich zu anderen Zwecken gegründet, sind zu neuen Massen-Informationskanälen geworden, neben denen sich klassische Nachrichtenfabriken anstrengen müssen, um als eigenständige Marke im Netz noch so attraktiv zu sein, dass Leser dort regelmäßig gern vorbeikommen.

Innovative Techniken zu diesem Zweck sinnvoll zu nutzen und zum Beispiel mit den friendly enemies, kurz Frenemies Google, Facebook und Twitter so umzugehen, dass das Publikum zur eigenen journalistischen Marke findet: Das ist für Nachrichtenseiten in den USA essentieller Teil der Überlebensstrategie geworden. Sie haben schmerzhaft gelernt, dass sie neue Bewegungen nutzen müssen, statt sie zu verdammen: weil am Ende die Nutzer das Sagen haben und sie Trends einfach gerne mitmachen.

Auch in Deutschland sind die Nutzer den Journalisten voraus. Abermillionen Leser haben das Netz als Nachrichtenmedium zum selbstverständlichen Teil ihres Alltags gemacht. Von den meisten Journalisten kann man das nicht behaupten. Dabei erwarten die meisten Nutzer Qualität plus Innovation – und zu viele Journalisten wissen nicht, wie man dem Publikum das bietet.

Es wird Zeit für eine Experimentierkultur, die versucht, das Beste aus der technischen Entwicklung herauszuholen. Es wird Zeit für einen innovativen Qualitätsschub im Online-Journalismus. Es wird Zeit, die Veränderungen willkommen zu heißen – und auf Nutzer zu hören.

/// mehr dazu im letzten Teil: Qualität versus Nutzer? ///

/// Serie Qualität im Onlinejournalismus /// Teil 123, 4, 5Bonus ///

Anmerkungen

  1. dominikruisinger hat diesen Eintrag von ploechinger gerebloggt und das hinzugefügt:
    Treffende Artikelserie rund...dringend notwendigen Schritte,
  2. von ploechinger gepostet