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Journalist. München. Jahrgang 1976.

Qualität versus Qual

/// Teil 3 dieser Serie zu Qualität im Onlinejournalismus /// Verfasst für dieses Buch ///

Über diesem Kapitel hätte auch „Qualität versus Ressourcenmangel“ stehen können. Aber „Ressource“ ist ein Technokratenwort, das verschleiert, dass es hier um Geld und Menschen geht – respektive um den Mangel an beidem. Dieser Mangel wird in den meisten deutschen Online-Redaktionen schlicht als Qual empfunden.

Gefühlt sind einfach nie genug Leute da, um die Arbeit richtig zu machen. Überforderung und Burnout-Symptome sind verbreitete Probleme, selbst für junge Kollegen, die das Glück hatten, einen festen Job in einer Redaktion zu bekommen.

Überarbeitung ist die Kehrseite dessen, dass Online-Redakteure viel schneller viel mehr Verantwortung bekommen als Kollegen in anderen Redaktionen, dass die Hierarchien im digitalen Journalismus eher flach sind und gerade junge Multitalente hier rascher Karriere machen als in älteren Medien. Viel Verantwortung für jeden heißt Gestaltungsspielraum, Dynamik und Definitionsmacht. Das ist wunderbar, und das ist der wichtigste Grund, warum viele deutlich mehr für den Job geben, als in ihrem Arbeitsvertrag steht. Journalismus wird gerade neu erfunden, und ich darf dabei sein, obwohl ich gerade 25 oder 35 bin – das beflügelt. Auch wenn es Plackerei ist.

Wenn es aber zu viel Plackerei ist und dann auch noch Probleme auftreten, kippt schnell die Stimmung in einem Team. Wenn ein paar Monate lang die Marktanteile nicht stimmen, wenn in einem dünn besetzten Ressort ein Kollege plötzlich krank wird oder ein Großereignis zu viel über die Welt hereinbricht, dann ist kaum eine Online-Redaktion dafür gerüstet, den Leuten im Maschinenraum des Nachrichtensystems den Rücken freizuhalten, damit sie sauber ihrer Arbeit nachgehen können. Dann wird die Zeit knapp für sauberen Journalismus. Perfide ist, wenn dann von außerhalb Vorwürfe kommen, weil die Arbeit nicht mehr exzellent ist – wo doch hier vor allem das System das Problem ist und in aller Regel nicht der einzelne Redakteur.

Man muss es offen sagen, um ehrlich über die Qualität der digitalen Publizistik zu urteilen: Online-Journalismus ist zu oft qualvolle Mangelverwaltung. Darunter leiden automatisch die Laune der Leute und das Ergebnis ihrer Arbeit. Es wäre nicht menschlich, wenn es anders wäre.

Online-Journalisten sind von Medienunternehmern, aber auch Journalisten anderer Medien lange als Kollegen zweiter Klasse behandelt worden. Billiggehälter, kleinere Teams, härtere Arbeitsbedingungen, Dumpinghonorare für freie Mitarbeiter, kein Ansehen in den Mutterredaktionen: Unter diesen Rahmenbedingungen wurden und werden die Online-Seiten deutscher Medienhäuser betrieben. Es ist eine wichtige Frage, wie unter diesen Umständen ein nachhaltig profitables Produkt entstehen soll, das tradierte Qualitätsversprechen der journalistischen Marken einlöst. Von nichts kommt nichts, sagt der Volksmund. Jene Medienhäuser, die sowohl klug in ihre digitalen Produkte investiert haben, sind heute am besten für die Zukunft gerüstet.

Nun hilft es den anderen nichts, zu klagen und auf Hunderte neue Online-Stellen zu hoffen, die es so schnell nicht geben wird angesichts der Perspektiven der Medienbranche. Stattdessen muss man anerkennen, dass die Lage aus einem bestimmten Grund ist, wie sie ist: Jahrelang war weder für viele Verleger noch für viele Chefredakteure ersichtlich, wieso sie zuhauf Ressourcen in dieses Internet stecken sollten, wenn sich dort doch kaum Geld verdienen lässt. Und was soll man sagen – sie haben auf ihre Weise Recht. Welche großen Profitchancen soll zum Beispiel eine Regionalzeitung im Netz schon haben, wenn die Online-Anzeigenvermarktung nur Bruchteile der Print-Erlöse bringt? Tatsächlich wirft das Internet-Geschäft in vielen Häusern so wenig ab, dass man irgendwie eine kleine Online-Redaktionen finanzieren kann, keinesfalls aber die übliche Mannstärke von Zeitungsredaktionen. Und dann auch noch Geld dafür ausgeben, dass die Printinhalte im Netz gratis an den Mann gebracht werden? Das ist – zumindest aus aktueller Perspektive – wirtschaftlich für viele Häuser widersinnig. Es lohnt für sie nicht, groß in Online-Qualität zu investieren. Im Gegenteil, es scheint erst mal riskant, weil es das derzeitige Kerngeschäft bedrohen könnte: Wieso sollen Leser noch für Zeitungen zahlen, wenn sie im Netz alles umsonst bekommen?

Umgekehrt ist es mindestens genauso riskant, nicht in hochwertigen Online-Journalismus zu investieren. Das Internet ist einer der letzten Wachstumsmärkte der Medienbranche, mit vielen tausend potentiellen neuen, jungen Nutzern im ganzen Land, noch dazu eine ideale Basis zur Zweitverwertung von ja schon existierenden Zeitungsinhalten. Und es ist in jedem Fall ein Zukunftsgeschäft, das langfristig das Printgeschäft substituieren könnte. Das Digitalgeschäft muss sich einfach lohnen; es gibt keine Alternative dazu, denn es ist die größte, vielleicht einzige Hoffnung für neue Erlösquellen in einer Zeit, in der die Erlösquellen der Medienhäuser erodieren. Dass man dieses Geschäft zum Erfolg führen kann, wenn man es strategisch klug betreibt und nicht nur taktisch clever, dafür gibt es genug Beispiele. Entsprechend viel Energie muss ins Digitale fließen, vulgo Ressourcen.

Niemand kennt gerade eine sichere langfristige Überlebensstrategie für den Qualitätsjournalismus, und diese Lage ist zweifellos auch für Verleger und Chefredakteure eine Qual. Niemand weiß letztgültig, wie der Nachrichtenmarkt in fünf oder zehn Jahren aussieht. Die einzige Gewissheit ist, siehe oben, dass auch der digitale Mediennutzer Exzellenz und Einzigartigkeit schätzt – und dass es damit definitiv keine Lösung ist, sich durchwursteln zu wollen.

Durchwurstelei ist, wenn selbst kleinste Online-Teams von Lokalzeitungen noch einen nationalen Nachrichtenticker betreuen, obwohl kein Leser solche Meldungen bei ihnen suchen wird. Durchwurstelei ist auch: „Wir sollen mit viel weniger Leuten Spiegel Online nachmachen“ – diesen Satz konnte man in den vergangenen Jahren von viel zu vielen Kollegen hören. Das ist dann nicht Strategie, sondern der hilflose Versuch, sich auf Teufel komm raus eine Marktposition zu erarbeiten, ohne eine nicht zuletzt für den Leser plausible eigene Mission zu haben.

Letztere ist die Bedingung für Erfolg. Jedes Medienhaus muss sich fragen, was genau es mit den zwei, fünf, 15, vielleicht 50 oder mehr Online-Journalisten anstellen will, die es sich leistet. Und welche digitale Rolle spielen die vielen anderen Kollegen zum Beispiel aus der Mutterzeitung? Wie arbeitet man in einem Verlag zusammen, und woran arbeitet man zusammen genau? Nur mit publizistisch sauberen, realistischen und marktwirtschaftlich rationalen Antworten, besser: Visionen können Redakteure dann ihren Alltag angehen und mit einer klaren Idee im Kopf das Gefühl permanenter Überarbeitung loswerden.

Denn wenn sie wissen, was sie wieso tun sollen, können sie Strukturen schaffen und den Einsatz von Ressourcen planen – wenn sie schon nicht mehr Ressourcen bekommen. Und plötzlich macht der Job wieder Spaß. Die Seite unserer Regionalzeitung braucht keinen nationalen Nachrichtenticker? Prima, bleibt mehr Zeit für den Lokalsport! Der Marktführer ist für uns im Kerngeschäft nicht zu schlagen? Prima, dann kümmern wir uns darum, ihn abseits des Kerngeschäfts anzugreifen! Wir haben weniger Leute als die Konkurrenz? Nicht, wenn wir die Zeitungskollegen einbeziehen!

Jedes Medienhaus hat die Chance auf eine maßgeschneiderte Exzellenz-Strategie im digitalen Journalismus. So wie sich jedes Medienhaus eine eigene Exzellenz-Strategie für die älteren Medien zurechtgelegt hat.

Nun soll nicht der Eindruck entstehen, niemand habe bisher seine Hausaufgaben gemacht. Das wäre Unsinn, denn natürlich arbeitet die ganze Branche seit mehr als einem Jahrzehnt an Digitalstrategien. Und doch sollten die Beteiligten noch mal den Blick darauf schärfen, wie sie Ressourcen richtig einsetzen. Qualität versus Qual – das ist ein Problem. Qualität im Online-Journalismus wird tatsächlich heute noch dadurch erschwert, dass zu viele beteiligte Journalisten kein realistisches Ziel vor Augen haben und nicht die nötigen Ressourcen im Rücken spüren.

Das muss sich ändern. Zumal die Herausforderungen eher noch größer werden.

/// mehr dazu in Teil 4: Qualität versus Innovation ///

/// Serie Qualität im Onlinejournalismus /// Teil 12, 3, 45Bonus ///

Anmerkungen

  1. von ploechinger gepostet