Plöchinger →

Journalist. München. Jahrgang 1976.

Qualität versus Tempo

/// Teil 2 dieser Serie zu Qualität im Onlinejournalismus /// Verfasst für dieses Buch ///

Das Internet hat keine festgelegte Geschwindigkeit, siehe oben. Und doch hat Online-Journalismus eine Maximalgeschwindigkeit, die in der Erwartung der Nutzer noch höher ist als im Fernsehen und Radio.

Wenn etwas Überraschendes passiert, sollen alle Details des Ereignisses möglichst sofort im Netz stehen, live und per Eilmeldung aufs Handy gepusht. Wenn am Fußballsamstag der Lieblingsverein ein Tor schießt, will der Nutzer das binnen Sekunden erfahren, und zwar mit Blitztabelle. Wenn ein Weltereignis stattfindet wie die Vereidigung eines US-Präsidenten, braucht es bitte einen Livestream, eine Livedebatte auf Facebook und einen Liveblog, mit Bildern und Eindrücken der Korrespondenten, so dass der Nutzer auch am Bürorechner mittendrin sein kann (obwohl der Chef das nicht so gerne sieht; Fernseher kann der Chef ja verbieten, Computer nicht).

Live, live, live – dieses eine Wort beschreibt, was das Internet so gut kann wie kein anderes Medium: Dabei sein, wenn etwas passiert.

Wenn man an der S-Bahn steht und wissen will, wie diese oder jene wichtige Entscheidung ausgegangen ist, schaut man aufs Handy und liest im Ticker den neuesten Stand nach. Diese ungemein unmittelbare Nutzungsvariante für Nachrichten ist neu, und das Bedürfnis danach ist nur online wirklich effektiv zu befriedigen. Liveberichterstattung ist in Zeitungen schlicht unmöglich; im Fernsehen und Radio ist sie aufwändig, außerdem hat der Zuhörer oder Zuschauer die Geräte nicht immer dabei.

Das Internet ist inzwischen das ideale Medium zum Mitnehmen und Mittendrinsein. In den vergangenen Jahren wurden die entsprechenden journalistischen Formen perfektioniert: Liveblogs mit Witz und Hintergründen statt nachrichtlicher 08/15-Ticker, kuratierende und aggregierende Formate, Live-Fototicker für Bilder – so macht das Spaß und hat Sinn. 

In den vergangenen Jahren haben sich Kollegen anderer Medien auch immer wieder darüber amüsiert respektive erregt, dass selbst zu drittklassigen politischen Terminen Liveticker auf Nachrichtenseiten standen. „Die Katastrophe live: Bei uns sind Sie dabei!“ – „So eklig endet das Dschungelcamp: Live und in Farbe jetzt hier für Sie!“ Diese Teaser sind frei erfunden, keine Redaktion würde es so platt formulieren. Aber der Eindruck hat sich festgesetzt, dass Online-Journalismus derart sensationsheischend ist und selbst dann dem Tempo huldigt, wenn Besinnung angezeigt wäre. Die kritische Frage ist: Rechtfertigt der Erfolg – Liveticker sind erfolgreich, sonst würde es sie nicht geben – den häufigen Live-Einsatz? Muss Tempo immer sein, nur weil Tempo möglich ist?

Um eine sinnvolle Antwort darauf zu finden, muss man die Frage breiter fassen. Liveticker sind ja nicht der einzige Fall, bei dem die Geschwindigkeit des Internet-Newsbetriebs im gefühlten Widerspruch zur Qualität der Berichterstattung steht.

Ein anderes Beispiel sind Eilmeldungen. Sobald eine Nachrichtenagentur eine Meldung mit Priorität 1 oder 2 verschickt, beginnt in den Online-Redaktionen der Wettbewerb, wer die Meldung als erster veröffentlicht. Denn der erste wird auch der erste bei den Push-Diensten auf den Handys sein, wird bei Google News vorne liegen, wird den Lesern als blitzschnell in Erinnerung bleiben – was für viele Redaktionen ein Wert an sich ist. Ob die Nachricht stimmt, ob sie plausibel ist, ob es für sie eine zweite Quelle gibt, unabhängig von der ersten: Viel zu oft ist das egal geworden. Viel zu oft werden die Standards des Nachrichtengeschäfts verdrängt, um Sieger nach Sekunden zu sein.

Qualität versus Tempo: Gar kein Problem, solange man mit seinen schnellen Meldungen immer richtig liegt. Doch wenn das Tempo einmal zu oft über die Bedenken siegt, muss man plötzlich eine falsche Eilmeldung hektisch korrigieren. Es gibt kaum Peinlicheres für Journalisten. Der Schaden bei den Lesern ist dann größer als der Nutzen Dutzender korrekter Eilmeldungen zuvor.

Wenn man schon das Rennen ums Tempo mitmachen will, aber keine Chance zur Verifikation einer Nachricht hat – wieso sagt man das dem Leser nicht offen? Eine dezente Infozeile „Unbestätigter Bericht über Katastrophe +++ Wir versuchen die Meldung zu verifizieren“ über dem ersten Aufmacher liest sich vielleicht nicht so spannend wie „Katastrophe in Irgendwo“ als riesige Schlagzeile. Aber es ist ehrlicher. Und Ehrlichkeit wird am Ende honoriert.

Diese Regel kann man auf andere Fälle übertragen, in denen eine Seite ihren Lesern gegenüber transparent sein sollte. Wenn man ein schreckliches Bild einer Katastrophe aus ethischen Gründen nicht zeigt oder Details einer dramatischen Geschichte der Pietät halber verschweigt, dann sollte man dies und die Begründung den Lesern mitteilen. Über Selbstmorde zum Beispiel schreibt man in der Regel nicht, und wenn, dann nur wegen besonderer Umstände – weil die Nachahmerquote nach jeder Berichterstattung hoch ist. Auf die Ursachen der Zurückhaltung sollte man seine Leser hinweisen. Und eine Telefonnummer der Seelsorge dazu schreiben, um dem Werther-Effekt vorzubeugen. Orientierung geben statt übereifrig Meldungen rausjagen: Wenn man so offen, überlegt und ethisch sauber agiert, werden es Leser danken.

Und noch ein Beispiel für das Tempo-Dilemma. Darf ein Online-Journalist Berichte von Nachrichtenagenturen 1:1 übernehmen, oder Vorabmeldungen anderer Medien, oder sogar Verlautbarungen staatlicher Stellen oder Unternehmen, nur weil das schneller geht? In der Alltagshektik ist es verlockend, zum Beispiel Agenturmeldungen mit Copy und Paste einfach zu übernehmen, nach dem Motto: Kommt ja von der Nachrichtenagentur, wird schon stimmen. Doch so einfach ist es nicht. Allzu oft stimmt es nicht, was die Agenturen schreiben.

Natürlich ist das Nutzen von Agenturberichten erlaubt. Verboten ist es allerdings, vor dem Copy-Paste-Vorgang das Hirn auszuschalten. Ein paar Routinechecks sind auch im größten Stress Pflicht: Was schreiben denn die anderen Nachrichtenagenturen zum gleichen Thema? Bezieht sich die Agenturmeldung als Quelle womöglich auf eine Zeitung oder einen Rundfunksender – bei denen man, dem Internet sei Dank, die ursprüngliche Geschichte selbst nachlesen kann, bevor sich irgendwelche Fehler einschleichen? Und wenn einem dann Zweifel kommen, ob man womöglich einer Ente oder einer PR-Nummer aufzusitzen droht: Bitte googeln oder gar klassisch recherchieren, um die Zweifel auszuräumen. So viel Zeit muss sein.

Wenn Online-Journalisten ihren schlechten Ruf loswerden wollen, müssen sie verlässlich arbeiten. Wie verlässliche Arbeit funktioniert, dafür gibt es über Jahrzehnte bewährte Handwerksregeln, die in dem Lehrsatz aus den USA gipfeln: „Get it first, but first get it right.“ – „Hab die Geschichte als erster, aber hab sie erst mal richtig.“ Und wenn man daran zweifelt, ob sie richtig ist? „If in doubt, leave it out.“ – „Wenn du an etwas zweifelst, lass es weg.“ Es gibt keinen Grund, diese Regeln im Online-Journalismus nicht anzuwenden. Im Gegenteil, das Rennen um die schnellste Nachrichtenseite machen inzwischen so viele mit, dass man sich bei den Nutzern viel eher dadurch profiliert, dass man nicht mit der Masse in jeden Irrweg läuft.

Tempo ist wichtig. Wer Online-News macht, wird immer einem enormen Zeitdruck ausgesetzt sein, der letztlich sogar größer ist als bei den Nachrichtenagenturen – denn die Agenturen erreichen nicht automatisch Tausende bis Millionen Leser, die Online-Seiten dagegen schon. Das ist aber auch der wichtigste Grund, warum am Ende Akkuratesse wichtiger ist als Tempo. Auf lange Sicht setzt sich bei den Lesern durch, wer glaubwürdig ist – das war bei allen Medien so, das wird im Internet genauso sein.

Dies verringert den Druck auf den einzelnen Redakteur im Übrigen keineswegs. Es macht ihn größer. Schnell und akkurat zu sein, also zum einen sein News-Handwerk zu beherrschen und zum anderen aktuelle Themen schnell und sicher einschätzen zu können: Das ist die Jobbeschreibung. Es ist keine einfache.

Wer auf Online-Nachrichtenjournalisten herabblickt – was nicht wenige tun –, der sollte eine Woche mit ihnen tauschen. Diese Kollegen tragen den Kampf Qualität versus Tempo jeden Tag aus, und wenn sie einen größeren Fehler machen, ist er oft sofort in Watchblogs nachzulesen, gar nicht zu reden vom Spott in der Mutterredaktion. Man macht da Erfahrungen fürs ganze Journalistenleben, und wenn man das Geschäft ein paar Jahre gesehen hat, kann einen nur noch wenig überraschen.

Es sagt viel über den Zustand des deutschen Journalismus aus, dass die meisten der Kollegen auf diesen Redakteursstellen noch jung im Beruf sind. Es kann etwas mit Bequemlichkeit oder mangelndem Interesse Älterer an diesem spannenden Medium zu tun haben, sicher auch etwas mit dem verlegerischen Versuch, im Internet Low-cost-Journalismus mit Nachwuchskräften zu versuchen – aber das ist es nicht allein. Der jüngeren Journalistengeneration scheint die genuine Aufgabe sowohl zugefallen als auch zu gefallen, den Journalismus in diesem neuen Medium neu zu deklinieren. So sind die größeren Online-Redaktionen der Republik in den vergangenen Jahren zu sehr speziellen Journalistenschulen geworden, in denen der Nachwuchs das digitale Handwerk zum einen lernt – und es zum anderen im Livebetrieb weiterentwickelt.

Erstaunlich ist, wie agil und dynamisch diese Redaktionen deshalb auf einem schwierigen Markt unterwegs sind. Noch erstaunlicher ist, dass da eine Bewegung von Online-Journalisten heranwächst, die zurecht ein enormes professionelles Selbstbewusstsein gegenüber den Offline-Kollegen entwickelt. Denn sie beherrschen einen Job, der mit anderen Medien in großen Teilen nur noch wenig zu tun hat. Was auch ältere Kollegen von den Besten dieser Generation lernen können, ist, unter Druck ruhig und überlegt zu bleiben und darum der Erste mit der korrekten Geschichte auf dem Markt zu sein.

Qualität versus Tempo – wer sich dieser Herausforderung lange genug gestellt hat, weiß, dass das Dilemma nur durch professionelle Routine, sauberes journalistisches Gespür und gutes Hintergrundwissen aufzulösen ist. Drei zentrale Voraussetzungen, um viele Journalistenjobs gut zu machen, diesen aber ganz besonders. 

Und so nähert man sich am besten auch der Antwort auf die obige Frage, ob in diesem Medium denn wirklich immer Tempo sein muss, nur weil immer Tempo sein kann. Erstens: Natürlich nicht immer. Zweitens: In einem Livemedium ein guter Journalist zu sein, ist einer der schwierigsten Jobs, den dieser Beruf zu bieten hat. Also sollte man nur live sein, wenn man sich gut vorbereitet fühlt. Drittens: Um gut vorbereitet zu sein, braucht man Routine, Gespür und Hintergrundwissen. Da sind sie gleich noch mal, die drei Voraussetzungen für den Hochgeschwindigkeits-Journalismus.

Man kann es gar nicht oft genug herausstellen: Nur wer Wissen hat, sollte im Journalismus etwas zu sagen haben – und wer in einem Live-Medium wirklich etwas sagen will, muss rascher Wissen aufbauen und speichern können als in anderen Medien. Er braucht größere Neugier und eine bessere Auffassungsgabe. Denn Wissen macht den Unterschied. Die intelligente Einschätzung des Weltgeschehens zeigt Lesern, was eine gute Nachrichtenseite ist im Kontrast zu den weniger guten.

Wer die Idee des Live-Mediums in dem Sinn versteht, dass auf einer Online-Seite nur ein paar nackte Nachrichten stehen müssen und die Hintergründe am nächsten Tag in die Zeitung kommen, der hat missverstanden, was der Nutzer wirklich sucht und was Qualität auf diesem Markt wirklich bedeutet. Nämlich gute Analyse, kenntnisreiche Kommentierung, sichere Einschätzung der Weltlage – möglichst sofort. Heute erwarten die Netz-Nutzer die ganze Bandbreite der Information, und zwar als Instantware. Tempo bedeutet immer auch Tempo in der gekonnten Bewertung der News. Dass eine Nachrichtenseite ein paar Stunden lang mit einer falschen Interpretation, dem falschen Spin eines Themas aufmacht, das war früher gang und gäbe, weil es in den Online-Redaktionen zu wenig Expertise gab, um Themen sicher einzuschätzen. Heute ist die Konkurrenz um die Deutungshoheit eines wichtigen Themas auch im Netz so groß, dass es sich keine Redaktion mehr erlauben kann, seine Leser durch eine Falschbewertung für ein paar Stunden in die Irre zu schicken.

Expertise ist das Mittel, um den Zwiespalt zwischen Tempo und Qualität aufzulösen. Bleibt zu klären, woher Expertise kommen soll, wenn die Redaktion zu wenig Leute hat.

/// mehr dazu in Teil 3: Qualität versus Qual ///

/// Serie Qualität im Onlinejournalismus /// Teil 1, 2, 345Bonus ///

Anmerkungen

  1. von ploechinger gepostet