Qualität versus Quantität
/// Teil 1 dieser Serie zu Qualität im Onlinejournalismus /// Verfasst für dieses Buch ///
Der Mann, nackt, sitzt aufrecht im Ehebett, die Enttäuschung ist ihm ins Gesicht geschrieben. „Och nee“, sagt er, als sich seine Frau ihres Oberteils entledigt und darunter ein großes weißes Nichts zum Vorschein kommt, „hast Du wieder Deine Brüste in der Redaktion gelassen, damit sie Klicks bringen?“
„Online-Redakteurin nach Feierabend“ heißt der Comic von Til Mette, 2009 im „Stern“ erschienen – auf einer halben Zeitschriftenseite versammelt er gleich drei wesentliche Worte, die Online-Redakteure öfter zu hören bekommen: Klicks, Brüste, ochnee.
Qualität und Online-Journalismus sind dem Klischee zufolge Antipoden. Wer im Kampf um Marktanteile im Internet die Leser unbedingt zum schnellen Klick reizen will, wird sich schmutziger Tricks bedienen, die mit den ehernen Prinzipien des Berufsstands nichts zu tun haben – das ist der Vorwurf, der sich in dem Comic ausdrückt, und er ist begründet. Bis heute findet sich auf Internetseiten großer Verlage, freundlich ausgedrückt, zuhauf populäre Massenware, die eher Entertainment ist denn Infotainment und nicht mit Journalismus verwechselt werden sollte.
Qualität der Inhalte versus Quantität der Leser – dass es Online nur um Letzeres geht, gilt auf den ersten Blick als logisch, zumal in Zeiten, in denen Medienunternehmen permanenten finanziellen Risiken ausgesetzt sind. Die meisten Online-Redaktionen werden seit Jahren so klamm gehalten, dass sie schon aus purem Überlebensinstinkt eher auf Quantität als auf Qualität setzen mussten. Dass der hehre Anspruch der etablierten Muttermarken mit der Wirklichkeit der Online-Seiten nicht viel zu tun hatte, war der Marktlogik geschuldet: Was der Leser an billigem Stoff sucht, bekommt er lieber bei uns als bei anderen, und wenn wir dafür Boulevard der unteren Schublade machen müssen. Das war und ist tatsächlich in vielen Redaktionen das Credo, um mit dem neuen Medium wenigstens ein bisschen Geld zu machen. So kam das Internet zu seinem Ruf als Boulevardmedium, in dem Exzellenz nicht zählt.
Nur ist das Medium besser als sein Ruf.
Betrachtet man das Internet als Bühne für uns Journalisten aus einer theoretischen Perspektive, dann sind die wesentlichen Unterschiede zu den älteren Bühnen:
Erstens hat das Internet keine Tempolimits wie die anderen Medien. Zeitungen haben die Geschwindigkeit „1 Ausgabe pro Tag“,Zeitschriften „1 Ausgabe pro Woche oder Monat“. Radio und Fernsehen haben als Tempo „live“, „jetzt“, „aktuell“. Das Internet dagegen kann sowohl ein Live-Medium sein als auch ein Archiv der vergangenen 150 Jahre. Es ist auf keinen Ryhthmus festgelegt wie die anderen Medien. Das macht es zum Multimedium.
Zweitens ist es ein Multimedium, weil es nicht nur Texte und Bilder darstellen kann wie die Presse, nicht nur Töne senden wie das Radio oder Filme wie das Fernsehen, sondern alles neben- und miteinander, wie es gerade passt.
Drittens erfüllt das Internet den Traum aus Brechts Radiotheorie, dass hier jeder Empfänger zum potentiellen Sender wird. Die Leser/Zuhörer/Zuschauer/Nutzer empfangen im Netz nicht mehr nur Botschaften von Journalisten, sie schicken selbst Botschaften los – ob in Kommentarforen, eigenen Blogs oder auf Twitter. Schon dadurch, dass ihre Klicks gezählt werden, bestimmen sie das Medium mit – was nicht nur schlechte Seiten hat, denn der Journalist lernt plötzlich live die Wünsche seiner Leser kennen. Kurz, dieses Medium ist ein bis dato ungekannter Kommunikationsraum, in dem mit Journalisten auf Augenhöhe kommuniziert wird. Leser-Blatt-Bindung, wie man es bei Zeitungen nennt, bekommt hier neue Chancen.
Viertens eröffnen die technischen Möglichkeiten der Plattform dem Journalismus neue Ausdrucksformen. Interaktive Geschichten, durch die der Leser navigiert, Datajournalismus und Crowdsourcing, Wiki-Plattformen und Enthüllungskanäle: Derlei vermochten die älteren Medien nicht. Wir werden künftig noch weitere ungekannte Spielarten erleben, denn das Netz als Infrastruktur ist per se innovativer, als es die klassischen Infrastrukturen des Journalismus – Papier und Rundfunkwellen – je sein konnten.
Die Möglichkeiten in diesem Multimedium sind unabsehbar vielfältig. Theoretisch.
Praktisch jedoch fügt sich diese faszinierende Perspektive nicht zur verbreiteten eindimensionalen Sicht auf den deutschen Online-Journalismus, der doch angeblich eine trivialpublizistische Geldverdienmaschine hart am Rande des Berufsethos ist.
Was für eine Kluft tut sich da auf! Qualität versus Quantität, Theorie versus Praxis: Wie geht das alles in diesem gar nicht mehr so neuen Medium zusammen?
Antworten auf diese Frage zu finden, ist angesichts des digitalen Medienbruchs unsere wichtigste Aufgabe als Journalisten. Wir müssen im Sinne des Publikums und unseres gesellschaftlichen Auftrags darüber debattieren. Wir müssen die digitale Publizistik so gestalten, dass die theoretisch großen Möglichkeiten praktisch verwirklicht werden, dass Qualität und Quantität versöhnt werden.
Wer die beschriebene Kluft als unüberwindbar abtut, macht es sich zu bequem. Man darf sich als Journalist nicht darauf rauszureden, dass in der digitalen Welt nur mit Schund und Schand Euros zu holen sind. Das ist wie erwähnt falsch und zumal billig, weil man erst gar nicht das Gegenteil zu beweisen versucht. Natürlich kann man im Netz schnelles Geld mit schmutziger Arbeit verdienen. Aber es geht anders. Der wegweisende Erfolg von New York Times, Guardian und vielen anderen starken Medienmarken ist nicht durch die erwähnten Brustbilder begründet, sondern durch Mühe, intellektuelle Auseinandersetzung mit dem Medium und publizistische Innovation.
Qualität war für die Kollegen immer der zentrale Anspruch. Was auch sonst? Wie sollten sie sonst eine Chance gegen Dutzende, Hunderte, Tausende Ramschseiten haben, die nur lousy pennies im Sinn haben, um Hubert Burda zu zitieren? Wenn sie den Anspruch aufgäben, wären sie nicht mehr sie selbst.
Um es deutlich zu formulieren: In diesen schwierigen Zeiten werden nur jene Medien auf Dauer durchhalten, die ihren Job auch in der digitalen Welt hervorragend machen – und zwar ohne die Werte zu verraten, für die ihre Marke steht. Qualität, Exzellenz, Einzigartigkeit ist eine Voraussetzung zum Aufbau eines nachhaltigen digitalen Geschäftsmodells, ein must have, kein nice to have. In dieser Zeit des digitalen Medienbruchs, in der sich Verleger und Journalisten gleichermaßen in Zukunftssorgen ergehen, weil sie nicht wissen, wie sie in zehn Jahren ihre Redaktionen noch finanziert bekommen, in dieser Zeit haben wir nur noch wenig Gewissheiten. Eine schon: Unser Publikum schätzt nach wie vor starke Medienmarken, die wissen, wofür sie stehen, und Orientierung geben in einer gefühlt immer komplexeren Welt.
Das Publikum im digitalen Raum ist längst keine Ansammlung versprengter Nerds mehr, es ist ein Abbild fast der gesamten Gesellschaft. Es sucht einzigartige Inhalte und belohnt exzellente Arbeit. Bild ist als Gesamtmedium das raffinierteste Unterhaltungsmedium der Republik – was Respekt bezeugen soll, aber nicht als Lob zu verstehen ist –, der Spiegel hat den Online-Nachrichtenjournalismus boulevardesker Prägung in Deutschland erfunden, und beide Konzepte wurden höchst erfolgreich umgesetzt. Erst die publizistische Idee, Mission, Strategie, dann die perfekte Ausführung derselben: Diese Exzellenz ist eine wichtige Art von Qualität, die das Publikum honoriert. (Ob es auch Qualität nach anderen Kriterien der Journalistenzunft ist, das ist freilich bei Bild immer noch eine berechtigte Frage.)
Die Lehre aus den nationalen wie internationalen Online-Erfolgsgeschichten ist, dass sich jedes Medienhaus bis zur kleinsten Regionalzeitung fragen muss, was das Publikum wirklich an der jeweiligen Marke mag. Das ist der Kern, der Markenkern. Ihn ins Netz zu übertragen und digital richtig zu erweitern, ist der einzige publizistische Weg, um Redaktionen eine Zukunft in der neuen Medienära zu verschaffen. Wenn bei der Suche nach dem Markenkern nicht mehr rauskommt als Billig-Bildergalerien und andere Klicktricks, hat man nicht nur ein Qualitäts-, sondern auch ein Existenzproblem. Denn derlei Angebote sind Massenware, die man in aller Regel woanders besser bekommt.
Qualität versus Quantität – das muss, anders gesagt, kein Widerspruch sein, sondern sollte als interessantes Spannungsfeld gesehen werden, in dem sich eine Redaktion intelligent positionieren muss. Sie sollte ihr Publikum nicht dafür verdammen, dass es auch mal buntere Themen klickt; Leser haben sich immer für Buntes interessiert, und sogar die seriösesten Zeitungen haben es ihnen geboten, auf eine eigene, oft spielerische Art. Davon kann man lernen. In keinen Fall sollte eine Redaktion im Klickrausch darauf verfallen, den Nutzern einer Seite nur noch einen Kessel Buntes vorzusetzen, weil die Seite dann über kurz oder lang beliebig und austauschbar wird, selbst aus Sicht der Nutzer. Auch dafür gibt es schlechte Beispiele, auch aus ihnen kann man lernen.
Online-Journalismus ist nicht per se gut oder schlecht, sondern immer das, was man daraus macht. Eine Wundertüte. Darum ist das Netz tatsächlich eine solch große Herausforderung: Wie soll der Journalist mit all den Möglichkeiten zurechtkommen – und zugleich die Leser umwerben, ohne die eigenen Ansprüche zu verraten? Und das im potentiell sekundenaktuellen Tempo dieses Mediums?
/// mehr dazu in Teil 2: Qualität versus Tempo ///
/// Serie Qualität im Onlinejournalismus /// Teil 1, 2, 3, 4, 5, Bonus ///