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Journalist. München. Jahrgang 1976.

Tiercontent #ChillingRica

20. März 2014, 22:08 →   2 Anmerkungen   einsortiert in   Bilder

Que rico (mas) #CostaRica

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Süßer Versuch. #ObesityMarketing

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Smoking kills. Other things kill faster. #Austin #CityHall

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Texas #DeutschesDorf #ArmyLonghorn #HausÜberholen

nvonsobbe:

#Giesing #Munich #Golden

Wohnzimmeraussicht

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Sonnenfeuer

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Famous Sights Of Giesing

Betr.: Qualitätsjournalismus

Die Branche redet wieder über Auflagenzahlen und darüber, ob Qualitätsjournalismus eine Zukunft hat beziehungsweise für welche Verleger eher nicht. Nun finde ich Defätismus wenig hilfreich, wenn man noch daran interessiert ist, Modelle für die Zukunft des Journalismus zu entwickeln. Als mich vor Monaten ein Professor bat, einen Text für ein geplantes Buch zu schreiben zum Thema: „Hat Qualitätsjournalismus eine Zukunft?“, dachte ich erst: Nicht noch mal die Leier (frühere Texte hier rsp. hier). Ich habe dann doch geschrieben, und in diesen Tagen ist die Uralt-Frage plötzlich wieder öfter gestellt worden. So here we go.

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Hat Qualitätsjournalismus eine Zukunft?

Studenten, die das Handwerk namens Journalismus an der Universität verwissenschaftlicht bekommen, lernen meistens im ersten Semester die Nachrichtenfaktoren kennen. Eine Nachricht ist dieser Theorie zufolge nur dann eine solche, wenn sie möglichst viele Kriterien erfüllt: Neuigkeit, Nähe, ein Dutzend mehr. Ein Killerfaktor ist die sogenannte Negativität, die ich nach ein paar Jahren als Journalist lieber Negativismus nenne. Sie besagt, dass viele Menschen insgeheim lieber von Schlechtem, Bösem, Üblem erfahren als von Gutem, Wahrem, Schönem. Respektive dass Journalisten das glauben – und deshalb gern schlechte, böse, üble Neuigkeiten publizieren.

Die Praxistauglichkeit dieser Annahme wurde vielfach wissenschaftlich überprüft, aber derzeit braucht es dafür keine Forscher. Man muss nur die Fachdienste lesen, 2020-Debatten scannen, auf Branchenkongressen den Panels zuhören oder auf ebenjenen sitzen, schon erlebt man Negativismus in Reinform. Zahlreiche publizistische Protagonisten ergehen sich in gefühlter Schauderwonne, wenn sie über Zustand und Zukunft ihrer Zunft sprechen, absurderweise auf beiden Seiten der Debattenfront. Rückzugskämpfer der altbekannten Medienwelt scheuen die neue digitale und erklären sie zur Schreckensvision oder resignieren. Heilsarmisten der neuen Welt finden die alte verrottet und würden sich kaum stören, wenn sie heute statt morgen stürbe. Negativismus als egozentrischer Killerfaktor: furchtfröhlich berauscht am angeblichen Untergang der eigenen Art.

Kaum eine Branche redet sich so düster in Rage wie die Medienbranche. Selbstkritik angesichts der digitalen Revolution ist das eine; das ist nötig, um zu Selbsterkenntnis zu gelangen. Das andere ist, was an Sich-selbst-Schlechtmachen im Journalismus passiert. Reichlich Medienmenschen überschreiten die Grenze zwischen Ersterem und Letzterem mit einer Leichtfüßigkeit, die neben Negativismus auch den Herdentrieb unseres Berufsstands am Werk wähnen lässt. Herdentrieb ist: Wenn irgendein Vordenker etwas schlechtredet, reden es viele andere auch schlecht. Print tot! Journalisten massenentlassen! Noch mehr Zeitungen sterben! Verlage pennen! Pennen! Pennen! Fernsehsender auch! Diskussionskultur am Ende! Menschen immer dümmer! Wer die großen Narrative der Branchendebatte der vergangenen Jahre im Zeitraffer betrachtet, wähnt sich auf einem Festival von Depressiven.

Damit sind wir beim Thema. Denn die Frage, die über diesem Kapitel steht, folgt letztlich dieser Logik: Hat Qualitätsjournalismus eine Zukunft?

Am besten redigiert man zuerst die Frage.

Wenn es Qualitätsjournalismus gibt, muss es Nichtqualitätsjournalismus geben. Aber was wäre das? Wäre das überhaupt Journalismus?

Und warum sagen wir das jetzt in diesen Krisenzeiten noch häufiger als sonst: Qualitätsjournalismus?

In kleinen wie großen Verlagen und anderen Journalismusanstalten haben sich Kollegen massenhaft angewöhnt, unseren Job zur Selbstbestätigung der Schutzbedürftigkeit alldieweil Qualitätsjournalismus zu nennen, ob es sich darum handelt oder nicht. Dabei ist das Wort ein Pleonasmus – ein weißer Schimmel, eine runde Kugel, ein kaltes Eis, ein alter Greis. Journalismus, der sich nicht der Qualität verschreibt, braucht gar keine Zukunft. Er ist dann Pseudo und meinethalben gern dem Untergang geweiht.

Womit man bei der reduzierten Frage ist: Hat Journalismus eine Zukunft?

Wenn nun ein Journalist auf eine solche Ratefrage zu fernen Tagen antworten soll, liegt nahe, dass er das mit der Geste des halbprofessionellen Sehers tut und bekannte Einlassungen zur Digitalrevolution wiederholt, und am Ende: Vorhang zu und alle Fragen offen. So geht das ja seit Jahren. Darauf verzichten wir in Zukunft besser.

"Zukunft haben" – auch so eine Worthülse. Gemeint ist letztlich: Wird Journalismus genug Geld haben, um zu überleben?

Man kann es auch weniger monetär formulieren. Wir berufen uns gern auf unseren gesellschaftlichen Auftrag. Zurecht. Denn am Ende wird ebenjene Gesellschaft über unsere Ausstattung, unsere Möglichkeiten, unsere Unabhängigkeit – unsere Zukunft bestimmen. Ob es um den Werbemarkt oder den Erfolg von Paywalls geht, wir haben nur eine Chance: eine möglichst große Gemeinschaft von Nutzern vom Sinn unseres Daseins überzeugen.

Womit sich die Frage noch mal anders anhört: Wird Journalismus überleben, der den Leuten dient?

Die Ein-Wort-Antwort eines Optimisten: Natürlich.

Die Langfassung der Antwort folgt, und damit wir das Glas nicht weiter halb leer sehen, sondern halb voll, gliedert sie sich in sieben gute Nachrichten.

Was die Pessimisten gern vergessen: Die Welt ist heute so voll mit Informationen wie nie zuvor. Die Menschen auf der Welt sind infolge der Digitalisierung – einer historisch ungekannten Explosion der Inhalteverbreitung – potentiell besser informiert denn je. Das ist unsere größte Chance als professionelle Vermittler. Denn sie sind es nur *potentiell*. *Tatsächlich* informiert sind die Menschen erst, wenn wir richtig arbeiten. Es gibt Bedarf an uns, ob wir nun festangestellte Verlagsmenschen, Freizeitblogger, Trimediale im Rundfunk oder andere Publizisten sind. Der Informationsmarkt ist zwar so umkämpft, aber auch so groß wie nie zuvor. Der Wettbewerb auf diesem Markt mag härter sein als in früheren Zeiten, weil die nächste gute Webseite nur einen Klick entfernt ist – aber wer eine wirklich gute Webseite macht, profitiert davon, dass die Nutzer eben nur einmal klicken müssen, um bei ihr zu landen. Unser erreichbares Publikum ist viel größer als früher. Gute Nachricht Nummer 1.

Falls dieses Publikum nun eines Tages beschließt, unsere Arbeit nicht mehr auf Papier oder im linearen Fernsehen nutzen zu wollen, dann würde ich das bedauern, weil ich zumindest Papier mag. Aber der Journalismus geht davon nicht unter. Im Gegenteil, man kann die Sache auch anders sehen. Bei der Zeitungsproduktion zum Beispiel kosten Druck und Vertrieb auf Papier mehr als die Hälfte; das vergisst man gern. Digital kostet einen Bruchteil. Das, wofür “Zeitung” steht, hängt wiederum keineswegs am Papier. Der Begriff beschreibt die Leistung, die Welt so zu sortieren, dass sich eine kritische Öffentlichkeit klug danach ausrichten kann. Er war einst ein Synonym für “Nachrichten“; Geschichten, nach denen man sich richten kann. Also hören wir am besten mit dem stupiden Branchenspiel auf, auf das Ende des Zeitungsdrucks zu tippen – 2020? 2032? 6 aus 49? –, sondern beginnen, in der Transformation hin zum Digitalen die Vorteile zu sehen, nämlich die vielen Vorteile unseres neuen Trägermediums. Unsere Möglichkeiten erweitern sich in bekannte und unbekannte Weiten der vernetzten Welt hinein, ohne dass die ganze Veranstaltung gleich unendlich mehr kostet als früher: gute Nachricht Nummer 2.

Viele Kollegen fragen trotzdem erbittert und verbittert, wie wir in dieser neuen Welt unseren Journalismus finanzieren sollen. Die Frage ist wichtig, aber wichtiger ist zuvor eine andere. Die meisten Redaktionen, die im Netz neue Geschäftsmodelle gefunden haben, haben zu allererst die Frage beantwortet, was sie publizistisch erreichen wollen in der digitalen Welt. Erst eine eigenständige Idee fürs Inhaltliche, dann das Publikum davon überzeugen, bis sich finanzielle Ideen logisch daraus ergeben – das ist der ideale Weg. Das bedeutet, gute Nachricht Nummer 3: Am Anfang brauchen wir für die Transformation einfach Verstand und guten Willen, um eine Vision zu finden. (Kant sah in Vernunft und Willen übrigens die Voraussetzung für aufgeklärtes Handeln, in seinen Worten: für den “Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit”.)

In diesem Prozess des Neuerfindens müssen sich alle Redaktionen ihre *eigene* Zukunftsvision suchen. Weil sich jeder Titel im digitalen Raum gegenüber allen anderen behaupten muss, ist eben jeder auf eigene Weise herausgefordert. “Die Tageszeitungen”, “die Verlage”, “die Nachrichtenseiten”: Diese Oberbegriffe werden in der Branchendebatte noch gern benutzt, aber die Ära der weitgehend einheitlichen Geschäfts- und publizistischen Modelle endet gerade. Man merkt das daran, dass die Auflagenkrise, von der alle reden, ja keineswegs alle Häuser in gleichem Maße trifft. Manche gewinnen digitale Abonnenten in einem Ausmaß, das Hoffnung macht. Was läuft bei diesen Titeln anders, besser, klüger? Was kann man aus ihren Strategien lernen? Wer Antworten auf diese Fragen sucht und seine Schlüsse zieht, um die eigene Marke vom Rest des Marktes abzuheben, schärft sein Profil. Profil zu schärfen, ist eine kreative Aufgabe. Sie zielt am Ende auf Kreativität im Journalismus. Gute Nachricht Nummer 4.

Halbhoffnungsvolle Branchenseher argumentieren gerade, dass Journalisten als starke Einzeltypen vermutlich die digitale Transformation überleben werden – aber nicht die großen Redaktionen, wie wir sie kennen, und dass es diese vielleicht auch nicht braucht. Falsch. Redaktionen müssen überleben, weil es sie braucht. Fachleute sprechen vom Netzwerkeffekt, wenn die Summe mehr ist als die Einzelteile. Eine Redaktion mit vielen exzellenten Journalisten schafft, wenn sie gut arbeitet, mehr als die exzellenten Journalisten allein. Wer daran zweifelt, sollte über Scoops wie WikiLeaks, Offshore- und jetzt ChinaLeaks oder die Detailrecherchen der Snowden-Enthüllungen nachdenken. Natürlich hatten einzelne Journalisten einen enormen Anteil an diesen Enthüllungen, wie auch die Whistleblower und andere Enthüller abseits des Journalismus. Aber ohne die Kraft und Verteidigungsmacht großer Redaktionen wäre die Aufklärung dieser Skandale um ein Vielfaches schwieriger gewesen. Der Guardian, der in den genannten Enthüllungsgeschichten so stark war wie keine andere Redaktion, hat mit seinem Journalismus eine globale Anhängerschaft gewonnen, die sein Überleben sichern wird, davon bin ich überzeugt. Solche Redaktionen sind Möglichmacher, Bollwerke und Netzwerke für herausragende Journalisten. Sie sind wichtig – gute Nachricht Nummer 5 –, und wenn wir es richtig anstellen, ist das durchaus auch dem Publikum zu vermitteln.

Dafür habe ich auch bei zwei Forschern Indizien gefunden, die mich in den vergangenen Monaten haben aufhorchen lassen. Der eine war Wolfgang Schweiger, der sich mit der Frage beschäftigt hat, ob Leser mit harten Kriterien einschätzen können, was Qualität im Journalismus ist. Sein Befund: nicht wirklich. Die angenommene Qualität einer bestimmten Zeitung ist ein erlerntes Konstrukt im Kopf des Lesers, eine Art antrainiertes Vertrauen, das einer Marke entgegengebracht wird. Das größte Problem ist, wenn die Marke dieses Vertrauen durch Fehler oder Parteilichkeit zerstört – dann erodiert ihre Anhängerschaft. Vermeidet sie Fehler oder Parteilichkeit, dann bleibt ihr guter Ruf erhalten. Das Qualitätsversprechen vermittelt sich in der Gesellschaft weiter. Ich folgere daraus: Was auch immer die Digitalisierung mit unseren Geschäftsmodellen anrichtet, wenn wir journalistisch keinen Mist bauen, sondern eben jeden Tag exzellente Arbeit abliefern, vertrauen uns die Leute und erkennen unseren Wert. So viel auch zur Eingangsfrage. Gute Nachricht Nummer 6.

Der andere Forscher war Michael Haller, der in der sonst oft schwarz-weißen 2020-Serie des Spiegel einen zu wenig beachteten Schluss- und Kontrapunkt setzte. “Im öffentlichen Palaver über die Zukunft der Zeitung wollen alle nur das Beste - und ohne Anamnese und Diagnose nur das verschreiben, was sie selbst kennen und können”, schrieb er über die aktuelle Branchendebatte. “Alle meinen es gut, und unserem Patienten geht es schlechter und schlechter.” Dann hinterfragt er gängige Rezepte von Zeitungsreformern, zum Beispiel dass Lokales auf die Titelseite von Regionalblättern müsse oder dass Leser in Zeitungen nur noch magazinige Texte erwarten. Er hält mit Zahlen dagegen – und versucht auch zu entkräften, dass sich junge Leute erst wegen des Internets von Zeitungen abgewandt hätten. Seine Diagnose: Junge Leute fühlten sich von vielen Zeitungsredaktionen grundsätzlich in ihrer Lebenswelt unverstanden. Gerade ihre Erwartungen zu Informations- und Einordnungskompetenz würden oft enttäuscht. “Viele Blattmacher reden derzeit viel über Lesernähe; doch verstanden haben sie ihr Publikum bislang nicht.”

Wenn Haller damit richtig liegt, dann ist das eine schlechte Nachricht. Konkurrierende Forscher, Experten oder andere semi- bis vollprofessionelle Journalismusversteher werden seine Befunde sicher auseinanderfieseln, aber egal. Wir könnten die professorale Intervention in unsere Branchendebatte schlicht als Impuls nehmen, uns zu fragen, wo er in Bezug auf unser eigenes Medium Recht hat. Verstehen wir die Lebenswelt der jungen Leser, die keine Zeitungen mehr abonnieren wollen, ob gedruckt oder digital? Wo enttäuschen wir sie, was tun wir dagegen? Denn, gute Nachricht 7, wir sind doch alle schlau und neugierig genug, um zu hinterfragen, was wir täglich tun, um besser zu werden und jene Leute wieder für Journalismus zu begeistern, die nicht mehr begeistert vom Journalismus in Deutschland sind.

Wir müssen dafür mit den Negativismus aufhören – und uns selbst begeistern.